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© TMV

Ausflugstipp für Kurzentschlossene: Wismars kleine Horrorshow

Vor 100 Jahren schleppte Nosferatu seinen Sarg durch die norddeutsche Stadt. Bis heute kann man hier dem wohl berühmtesten Film-Vampir nachspüren.

Von Kerstin Decker

Die Sprache des Kinos ist keine des Lichts, es ist eine Sprache der Schatten!, wusste der Ausstatter und Filmproduzent Albin Grau. Er werde den „ersten wahrhaft okkulten“, also ganz und gar schattensprachlichen Film ins Kino bringen: „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, uraufgeführt 1922. Regisseur: Friedrich Wilhelm Murnau.

Wahrscheinlich kamen Murnau und sein Kameramann Fritz Arno Wagner auch durch die Sargmacherstraße zur Marienkirche. Fast alle laufen so, wenn sie vom Markt kommen. Noch hat niemand einen Anlass gesehen, die Straße umzubenennen. Sie hieß schon immer so, nicht erst seit Murnau hier in Wismar den ersten und, wie viele sagen, bis heute besten Vampirfilm der Kinogeschichte drehte. Darin trägt der traurige, höchst erlösungsbedürftige Vampir (unvergesslich: Max Schreck als Graf Orlok) meist seinen eigenen Sarg durch die menschenleeren, schattenhaften Straßen Wismars. Was für ein Stadtporträt entsteht so!

Die Tittentasterstraße, heute ein Toreingang am Markt, hieß im Volksmund auch schon immer so, es handelte sich – worauf der Name mit dem im Mittelalter üblichen Feinsinn deutet – um eine sehr schmale Gasse. Ohne Körperkontakt kam hier kaum einer am anderen vorbei.

Mitsamt der Sargmacher- und Tittentasterstraße wurde Wismar 2002 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Wenn die Stadtväter und -mütter Letztere je umbenennen würden, dann wohl nur aus einem einzigen Grund: Das Straßenschild wird zu oft gestohlen. 100 Jahre „Nosferatu“ und 20 Jahre Weltkulturerbe. Wismar wird gerade feierlich zumute. Das war nicht immer so.

Aber noch einmal von vorn. Man kommt also aus der Tittentasterstraße, überquert einen der größten Marktplätze Nordeuropas, übertroffen nur noch von dem in Heide, um diagonal in die Sargmacherstraße zu laufen, die geradewegs zur Marienkirche führt. Nicht nur Cineasten erinnern sich an den Blick über die Stadt, mit dem „Nosferatu“ den Hauptschauplatz des Films einführt: Wisborg. Still lag der Marktplatz mitsamt der Wasserkunst, dem einstigen Hauptbrunnen der Stadt und Wahrzeichen bis heute.

„Ich stelle mir immer vor, wie Murnau und Wagner ihre Kamera die 312 Stufen des Kirchturms nach oben schleppten“, sagt Stadtführerin Christine Kreß. Was diese Apparate damals wogen! Gott sei Dank hatten sie nur die eine. Wahrscheinlich kamen dem Regisseur und seinem Kameramann zum ersten Mal Zweifel an der völlig verrückten, neuartigen Idee, einen Film draußen zu drehen. Kino entsteht im Studio vor Kulissen und nirgends sonst! Vielleicht hätten sie doch nicht von diesem Grundsatz abweichen sollen?

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Die Dreharbeiten begannen im Juli 1921, sie führten die Filmemacher auch nach Lübeck und Rostock. In „Nosferatu“ heißt Wismar Wisborg. In Bram Stokers „Dracula“ hieß es noch Whitby, was für London stand. Die Umbenennung musste sein, denn die Produzenten der neu gegründeten Prana-Film hatten nicht die Filmrechte an Stokers Stoff eingeholt, weshalb Stokers Witwe sie bald verklagte, worauf alle Kopien vernichtet werden mussten.

Im Grunde wäre dieses frühe Meisterwerk des Kinos genauso verloren wie alle anderen frühen Murnau- Filme, doch wie viele genau „alle“ waren, ließ sich damals nicht mehr feststellen. Auf Gewinnbeteiligung klagte Stokers Witwe nicht, denn da war nichts, woran sie hätte beteiligt werden können.

Es war die erste und letzte Produktion der Prana-Film, die gleich in mehrerlei Hinsicht auffiel: Zum ersten Mal in der noch überschaubaren Filmgeschichte überstieg der Werbe-Etat eines Films bei Weitem die Produktionskosten. Auch darum gab es nur eine einzige Kamera. Bereits kurz nach der Uraufführung musste Prana-Film Konkurs anmelden.

„Nosferatu“ ist rumänisch für „der Teufel, der zu Meidende, der Untote“. Auch die Marienkirche ist gewissermaßen eine Untote. Nur der Turm steht noch. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 wurde das Kirchenschiff von mehreren Luftminen getroffen, sämtliche Gewölbe und mehrere Kapellen stürzten ein.

Szene aus „Nosferatu“ von Murnau. Schaut er da gerade auf Wismars Häuser?
© mauritius

Die DDR erblickte in den Kirchen Symbole der mentalen Unterdrückung des werktätigen Volkes aller Jahrhunderte und nahm den Treffer als willkommene Vorarbeit. Im Sommer 1960 verkündete eine Amtliche Bekanntmachung des Rates der Stadt, dass am 4. August „zwischen 5 und 11 Uhr Sprengarbeiten an der hiesigen St. Marienkirche“ stattfänden und Bürger im Umkreis von 150 Metern ihre Häuser zu verlassen hätten. Dabei bestand keine akute Einsturzgefahr. Aller Protest blieb vergeblich. Was für die Ewigkeit gebaut schien: Die DDR machte Schotter daraus.

Hätte sie doch nur sehen können, was der Vampirfilmregisseur Murnau wohl sofort bemerkt hatte. Dieser Ehrgeiz der norddeutschen Hansekirchen, den Himmel aus Stein vergleichsweise höher zu bauen als der Herr den seinen aus Luft. Was für Gewölbehöhen!

Der Wahlgüstrower Ernst Barlach fand das einzig richtige Wort dafür, als er die norddeutsche Backsteingotik eine „erhabene Hysterie“ nannte. Diese Himmelstürmerei aus Backstein war genau die richtige Kulisse für einen armen, liebeskranken Vampir, ein Geschöpf aus der entgegengesetzten Richtung also, aus der Nacht. Wismar hat in allernächster Nachbarschaft gleich drei dieser steingewordenen Hysterien. St. Georgen steht gewissermaßen unmittelbar neben St. Marien. In jeder von ihnen fände die Dresdner Frauenkirche gleich mehrfach Platz, in St. Georgen zweieinhalb Mal. An ihrem Portal schleppt Nosferatu seinen Sarg eindrucksvoll schattenwerfend vorbei.

Seit Bram Stoker weiß man, warum Vampire immer ihre Särge mitnehmen: Sie sind voller Heimaterde, Stoker zählte 49 Kisten, Vampire können nur in Heimaterde schlafen. Und Nosferatu kommt aus Transsylvanien.

Dass die DDR den Turm von St. Marien verschonte, war keine Reverenz an den ersten Vampirfilm aller Zeiten, sie durfte ihn nicht sprengen, denn er war und ist ein Seezeichen. Und wäre er weg: Wer weiß, ob Wismar – gemeinsam mit Stralsund – es ins Weltkulturerbe geschafft hätte. Die Silhouette der Stadt ist seit Jahrhunderten unverändert, genau wie die mittelalterliche Wegefügung. Das war entscheidend. Auch die meisten Häuser konnten nach 1990 gerettet werden.

Nachts auf dem Marktplatz kann es schon mal gruselig zugehen.
© TMV / Thomas Grundner

Inzwischen sind sogar die Umrisse des einstigen Kirchenschiffs wieder da: als aufgemauerter Grundriss aus handgefertigtem Backstein. So fällt die Aufmerksamkeit wie von selbst auf den Boden, auf alte Grabplatten, manchmal ist sogar ein Blick in die Grüfte darunter möglich, freigelegt bei Restaurierungsarbeiten. Das ist doch schon Nosferatus ureigenstes Reich! Zu DDR-Zeiten lag es unterm Parkplatz.

Woher kommt wohl unser Wort „stinkreich“?, will Stadtführerin Christine Kreß wissen. Von dem fiskalischen Genie des römischen Kaisers Titus Flavius Vespasian schon mal nicht, der zum Wohle der Staatsfinanzen eine Urinsteuer erhob, für die Benutzung der öffentlichen Toiletten, was nicht nur sein Sohn widerlich fand. Worauf Vespasian antwortete: Geld stinkt nicht! – Es stinkt also doch? Christine Kreß nickt.

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Im Mittelalter ließen sich nur die ärmeren Leute vor der Kirche auf dem Friedhof begraben. Wer etwas auf sich hielt, lag drinnen, so dicht am Altar wie möglich. Das war die beste Ausgangsposition für den Tag des Jüngsten Gerichts. Priester und Kirchgemeinde gingen beim Gottesdienst also buchstäblich über Leichen. Auf gute Verfugung kam es an. „Aber Gerüche waren unvermeidlich“, sagt Christine Kreß, „was den Weihrauchverbrauch erhöhte“. Wenn es ganz vorn am Altar stank, waren das eben die Stinkreichen.

Der transsylvanische, stinkreiche Untote bevorzugt zumindest bei Nacht die oberirdische Existenzform, er hat in Wisborg eine Immobilie gekauft, genau wie bei Stoker in Whitby. Nur dass er diesmal nicht dem Sehnsuchtsbild des unaustrinkbaren Blutarsenals einer Metropole folgt, sondern dem eines schönen Mädchens, das sein totes Herz beinahe wieder zum Schlagen bringt. Ihr entgegen trägt der Graf seinen Sarg auch über den fast unveränderten Heilig-Geist-Kirchhof, dessen Eingangstor alle „Soko Wismar“-Zuschauer kennen. Dort führt es direkt ins Polizeipräsidium.

Nicht bei jedem erregte der sargtragende Nosferatu vor genau 100 Jahren Grauen, eine Kritik vom April 1922 stellte kaltblütig fest, dieser Vampir gliche einem Torschlusskonsumenten, der „kurz vor Sieben, wenn die Postämter schließen, noch ein Weihnachtspaket aufgeben will und nicht recht weiß, wo er’s probieren soll.“

Aber die Ankunftsszene! Natürlich kommt Graf Orlok per Schiff. Ohne jedes Geräusch und menschenleer gleitet es der Silhouette der Stadt entgegen, der Graf hatte die Besatzung unterwegs ausgetrunken. Noch heute erkennt man genau den Ort im Wismarer Hafen, wo Nosferatu anlegt: direkt vorm alten Wassertor, dem letzten der fünf Wismarer Stadttore aus dem 15. Jahrhundert. Die restlichen vier hatten schon dem Fortschritts- und Stadterweiterungsgeist des 19. Jahrhunderts im Wege gestanden. Die alten Wismarer nannten das Wassertor nur das Höllentor. Nomen est omen. Die ersten Passagiere, die in „Nosferatu“ von Bord gehen, gab es bei Stoker nicht: Ratten!

An diesem Hafen soll er angekommen: Nosferatu, der Untote.
© TMV

Das Wort „Okkultismus“ hat heute einen sehr okkulten Klang, der Filmausstatter, Produzent und Okkultist Albin Grau, ein Kriegsheimkehrer wie Murnau, hatte ihn noch nicht im Ohr. Für ihn war nur klar, was schon Bram Stoker umtrieb: Die immer weiter technisierte und verwaltete Welt wirft immer längere, schwärzere Schatten. Sie saugt den Menschen gleich einem Vampir das Leben aus.

Der Sozialismus wollte das Räderwerk der Kapitalverwertung und alle damit verbundenen Zwangsläufigkeiten stoppen. Doch er stoppte noch mehr: etwa die Rettung der alten Häuser. Während der DDR-Zeit wurde die Wismarer Altstadt selbst zu einer Untoten, sie konnte weder leben noch sterben.

„Als ich zur Schule ging“, sagt Corinna Schubert, die Leiterin des Stadtgeschichtlichen Museums im gerade restaurierten Schabbel-Haus, „arbeiteten fast alle Eltern entweder auf der Werft oder im Hafen.“ Nach 1990 hatten Wismarer Kinder plötzlich lauter arbeitslose Mütter und Väter, die Familien verließen nicht nur die kaputte Innenstadt, viele gingen gleich ganz. Und nun: Weltkulturerbe. Was für ein langer, schwerer Weg der Rettung liegt dazwischen, nicht nur Corinna Schubert kann davon erzählen.

Endlich heil, endlich ohne Schatten? Nein, Wismar ist die Untoten noch nicht los. Die Werft! Nach der Insolvenz der chinesischen Genting Hong Kong weiß keiner, was werden soll. In der riesigen Montagehalle der einstigen Mathias-Thesen-Werft, deren monströse Kastensilhouette die der Altstadt zu widerrufen scheint, liegt vor allen Blicken verborgen das fast fertige größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die „Global Dream“. Geplant für 9500 Passagiere und 2500 Mann Besatzung, ein Nosferatu der Kreuzschiffahrt. Niemand weiß, ob es je fertig gebaut, ob es je ausgeliefert wird. Selbst wenn: Welchen weltgrößten Schatten würde es werfen, auf dem Meer?

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