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Tagesspiegel Plus

Warum ich keine Carrie mehr sein will: „Sex and the City“ ist schlecht gealtert

Weiße, reiche Egomaninnen: Unsere Autorin hat sich anlässlich des Reboots der Erfolgsserie die alten Folgen wieder angeschaut - und ist wenig entzückt.

| Update:

Gemeinsam mit meiner besten Freundin sitze ich auf meinem Bett in meinem Jugendzimmer in Kleinmachnow und starre auf den Fernseher, ein Sektglas in der Hand. Es ist ein Dienstagabend im Dezember 2004, das Jahr, in dem „Herr der Ringe“ elf Oscars gewinnt und ein soziales Netzwerk namens „Facebook“ live geht. Mir rinnen die Tränen die Wangen hinunter. Gerade hat ProSieben das große Finale von „Sex and the City“ gesendet. Ich bin 16, habe am nächsten Tag Schule und bin eigentlich viel zu jung für die Serie, die vier New Yorker Single-Frauen in ihren Dreißigern begleitet. Trotzdem fühle ich mit der coolen und glamourösen Carrie.

Die Serie hat wenig zu tun mit meinem Alltag – statt Cosmopolitans trinke ich Wodka mit Aldi-Red-Bull, statt in gelben Taxis hocke ich im gelben Bus nach Berlin und meine Schuhe kaufe ich bei Görtz, nicht bei Manolo Blahnik. Aber ich sehe zum ersten Mal im Fernsehen, wie erwachsene Frauen miteinander über Sex und Beziehungen sprechen, wie sie lieben und Liebeskummer haben und dabei immer füreinander da sind. Ich bin hin und weg.

Inzwischen bin ich Serien-Junkie, hatte tiefgängige, langjährige Beziehungen etwa mit „The Wire“ oder „Mad Men“. Doch „Sex and the City“ bleibt meine erste große Liebe. Der Streaminganbieter HBO Max hat jetzt angekündigt, dass es eine Neuauflage der Serie geben soll. Zehn halbstündige Episoden, „Just Like That“ heißt das Projekt. Mit dabei sind Sarah Jessica Parker als Carrie, Kristin Davis als Charlotte und Cynthia Nixon als Miranda. Kim Cattrall, die Samantha spielte, ist inzwischen mit ihren Kolleginnen zerstritten und wird nicht mitspielen.

Online-Dating etwa spielte in SATC keine Rolle, bis zum Start von Tinder sollten noch acht Jahre vergehen

Inga Barthels

Für mich Grund genug, mir die Serie noch einmal anzusehen, zum ersten Mal seit 16 Jahren – allerdings mit dem flauen Gefühl, dass sie nicht besonders gut gealtert sein könnte (von den schrecklichen Filmen wollen wir hier schweigen). Vieles ist heute anders: Online-Dating etwa spielte in SATC keine Rolle, bis zum Start von Tinder sollten noch acht Jahre vergehen. Aber auch der Zeitgeist hat sich verändert, genau wie meine eigenen Ansichten und Prioritäten. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Ist meine erste große Liebe ein Arschloch?


Weiß, weißer, Sex and the City

Das Offensichtlichste zuerst: SATC ist weiß. Extrem weiß. Und das in einer Stadt, in der Weiße weniger als die Hälfte der Einwohnerschaft ausmachen. In den 94 Episoden der sechs Staffeln gibt es zwei (!) nicht-weiße Charaktere, die länger als eine Episode dabei sind: die mexikanische Künstlerin Maria, mit der Samantha kurzzeitig eine Beziehung anfängt, und Dr. Robert Leeds, der in der sechsten Staffel mit Miranda zusammenkommt.

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Herkunft, Hautfarbe und Rassismus sind nur in einer einzigen Episode Thema – eindeutig die schlimmste SATC-Folge aller Zeiten. In der fünften Folge der dritten Staffel datet Samantha den schwarzen Musikproduzenten Chivon. „Ich sehe keine Farbe, ich sehe nur Eroberungen“, sagt Samantha, die sofort in einen pseudo-schwarzen Slang verfallen ist. „Und manchmal werden Minderheiten bevorzugt“, fügt Carrie hinzu.

Dann kommt SATC mit einem Rassismus-gegen-Weiße-Plot um die Ecke: Chivons Schwester Adeena will nicht, dass ihr Bruder eine Weiße datet. Sie wird dabei durchgehend als irrational dargestellt. „Die Frau disst mich wegen meiner Hautfarbe“, empört sich Samantha. Zum großen Showdown prügeln sich Samantha und Adeena im Hip-Hop-Club – so machen es die Schwarzen halt, scheint uns die Serie mitteilen zu wollen. Außerdem sei Chivon eine „big black pussy“, weil er sich nicht traut, seiner Schwester Kontra zu geben. Unglaublich, dass das damals so im Fernsehen zu sehen war. Die Folge lief 2002 erstmals im US-TV, eine Zeit, in der Popkultur vor allem unpolitisch war – 34 Jahre nach der Ermordung Martin Luther Kings und 18 Jahre bevor Black Lives Matter zur weltweiten Bewegung wurde.

Auf dem Weg nach Gay Town

Dafür, dass SATC eine Show über Sex ist, ist sie in manchen Dingen erstaunlich konservativ. So ist Heterosexualität die absolute Norm. Schwule Männer treten als stereotype Sidekicks auf, Transsexuelle werden als „halb Mann, halb Frau“ beschrieben. Das absolute Negativbeispiel kommt mal wieder aus der verfluchten dritten Staffel, wo Carrie geschockt darauf reagiert, dass ihr Lover bisexuell ist.

„Wann sind die Geschlechter durcheinandergekommen?“, lamentiert sie. Für die Freundinnen ist klar, dass Bisexualität nicht wirklich existiert. „Ich halte das für eine Raststätte auf dem Weg nach Gay Town“, sagt Carrie. Einzig die sexpositive Samantha steht dem ganzen offen gegenüber.

Später will Carrie beim Flaschendrehen zunächst keine Frau küssen, lässt sich dann aber doch erweichen. „Es war nicht schlecht, so ähnlich wie Hühnchen“, resümiert sie, kommt aber zum Schluss, dass sie „zu alt für dieses Spiel“ sei. Heute kommt sie mir für diese Aussagen tatsächlich sehr, sehr alt vor.

Aufgerüscht von links nach rechts: Cynthia Nixon, Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis.
Aufgerüscht von links nach rechts: Cynthia Nixon, Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis.
© mauritius images / Pictorial Press Ltd / Alamy

40.000 Dollar für Schuhe

Die vier Protagonistinnen leben in ihrer weißen New Yorker Bubble, in der alle scheinbar ohne Ende Geld haben, große Wohnungen in Manhattan besitzen und überall mit dem Taxi hinfahren. Während Samantha als PR-Profi und Miranda als Partnerin in einer Kanzlei zumindest veritable Karrieren vorweisen können, sollen wir glauben, dass Carrie ihren luxuriösen Lifestyle mit einer wöchentlichen Kolumne in einer New Yorker Zeitung finanziert – und das nicht mal der „New York Times“. Alle Journalist:innen wissen: Das ist die größte Lüge, die SATC je verbreitet hat.

Sie drängt ihre Freundin Charlotte dazu, ihr das nötige Geld zu geben. Eines der vielen Beispiele dafür, wie uncool Carrie sein kann

Inga Barthels

Zum Thema wird Geld nur einmal, gen Ende der vierten Staffel. Carrie, zu dem Zeitpunkt 35, hat sich gerade zum zweiten Mal von ihrem Freund Aidan getrennt und steht nun vor der Wahl, ihre Wohnung zu kaufen oder umzuziehen. Sie stellt fest, dass sie keinerlei Rücklagen hat. Miranda rechnet ihr vor, dass sie allein 40.000 Dollar für Schuhe ausgegeben hat.

Carrie beschließt, kurzzeitig ihren Lifestyle zu ändern, und nimmt den Bus statt eines Taxis. Ihre Vorsätze halten nicht lange an, stattdessen drängt sie ihre Freundin Charlotte dazu, ihr das nötige Geld zu geben. Eines der vielen Beispiele dafür, wie uncool Carrie sein kann. 

Lunchdate mit Freundinnen, 1998.
Lunchdate mit Freundinnen, 1998.
© imago images/Mary Evans

Wer will heute noch Carrie sein?

Früher wollten alle Carrie sein. Sie war die Protagonistin, schien witzig und sexy. Bei der erneuten Sichtung stellt sich aber heraus: Carrie ist schrecklich! Oder zumindest ziemlich egozentrisch und oft keine besonders gute Freundin.

Endlos redet sie über sich selbst und ihre Beziehungsprobleme, obwohl ihre Freundinnen gerade schlimme Dinge durchmachen. Das passiert so oft, dass es kein Zufall sein kann: Die Schreiber:innen scheinen Carrie als Anti-Heldin angelegt zu haben. Nur dass das damals niemand bemerkt hat. Die Zeiten haben sich geändert – und ich kenne heute eigentlich keine Frau mehr, die sich nicht als Miranda identifiziert. Heute beherrschen Miranda-Memes Instagram – „Miranda Mondays“ ist mein Favorit. 2019 erschien ein Buch mit dem Titel „We Should All Be Mirandas“. 

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Miranda sagt ihren Freundinnen die Wahrheit, auch wenn sie das nicht hören wollen. Sie ist schlau, zynisch und witzig und will sich nicht nur über Männer unterhalten. Außerdem hat sie Schwächen, die sie nahbar machen. So ist Miranda die Einzige, die nicht über sechs Staffeln hinweg einen perfekten gestählten Körper hat, zwischendurch ist sie süchtig nach Schokoladenkuchen und fischt sogar ein Stück wieder aus dem Müll. Sie ist dickköpfig und oft etwas harsch, meint es aber (fast) immer gut. Bis zum Serienende ist sie die einzige Mutter und hat Probleme damit, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Heute sind wir an vielschichtige Frauen wie Miranda im Fernsehen gewöhnt – damals war sie eine Pionierin.

2010: Premiere des unsäglichen Films „Sex and the City 2“.
2010: Premiere des unsäglichen Films „Sex and the City 2“.
© Daniel Deme/dpa

Cosmos und Manolos

War an meiner ersten großen Liebe also alles schlecht? Nein, sie ist immer noch charmant und schafft es, mich zum Lachen zu bringen. Und sie sieht immer noch gut aus! Einer der Gründe, warum sich viele trotz ihrer Schwächen mit Carrie identifizierten, war wohl ihre Kleidung. Die New Yorker Stylistin Patricia Field prägte Carries High-Low-Stil, einen Mix aus teuren Designerstücken und Flohmarktfunden. Aus heutiger Sicht am hipsten ist aber nicht Carrie, sondern die Miranda der frühen Staffeln. Ihr damals befremdlicher Look – Jeans-Latzhosen, ein unförmiger Fischerhut und eine riesige Pufferjacke – könnte aus der letzten Balenciaga-Kollektion stammen. Yay, Miranda!

Und während der unreflektierte Umgang mit Privilegien kritikwürdig ist, trägt die Fantasy-Welt von SATC auch zur Magie der Serie bei. Die Cosmopolitans und Glitzerkleider dienen als eine Art Ausgleich zu den sehr realen Beziehungen und Problemen. Sie locken einen hinein in diese Welt. Die Zuschauer:innen kommen für die Manolo Blahniks und den Sex-Talk, aber sie bleiben, um zu sehen, wie Carries Beziehung zerbricht, weil sie beruflich mehr Erfolg hat als ihr Partner, oder wie Charlotte mit dem Trauma einer Fehlgeburt umgeht.  

Kurz vor der ultimativen Katastrophe: Carrie Bradshow, bereit für „Mr. Big“.
Kurz vor der ultimativen Katastrophe: Carrie Bradshow, bereit für „Mr. Big“.
© picture-alliance/ dpa

Frauen mit echten Problemen

Als SATC zum ersten Mal im Fernsehen lief, sorgte sie vor allem wegen der Sexszenen und -gespräche für Aufsehen (in der ersten Tagesspiegel-Rezension ist von „unverblümten Dialogen“ die Rede). Auch wenn einige davon immer noch witzig sind – Samanthas „ein Loch ist ein Loch“ in der berühmten Analsex-Diskussion im Taxi ist ein Klassiker –, wirken sie heute eher harmlos.

Was bleibt, sind die realen Probleme der Protagonistinnen. Gerade zu Beginn der Serie sind die häufig trivial, etwa, wenn Carrie im Bett ihres neuen Freundes pupst oder Miranda eine Zahnspange für Erwachsene tragen muss. Je älter die Frauen werden, desto ernster werden die Themen. 

Mit 35, in der Mitte der vierten Staffel, muss Miranda sich entscheiden, ob sie ein ungeplantes Baby bekommen will oder abtreiben soll. Carrie und Samantha haben bereits Abtreibungen hinter sich und stehen ihrer Freundin zur Seite. Charlotte hat derweil damit zu kämpfen, dass sie auf natürlichem Wege nur schwer Kinder bekommen kann – ihre Ehe droht an dem Stress der ständigen Hormoninjektionen zu zerbrechen.

Ohne SATC wären Serien wie „Girls“, „The Mindy Project“ oder „Broad City“ schwer denkbar 

Inga Barthels

In der finalen sechsten Staffel bekommt Samantha die Diagnose Brustkrebs und muss sich mit ihrer Sterblichkeit auseinandersetzen. Die inzwischen 38-jährige Carrie muss sich zwischen Kindern und einer neuen Liebe entscheiden. „Es ist zu früh in meiner Beziehung, um über Kinder zu reden, aber zu spät in meinem Leben, es nicht zu tun“, sagt sie. „Ein Catch-38“. Auch heute gibt es nicht viele Serien, die sich mit derartigen Problemen von Frauen befassen. Das mag nicht so spektakulär sein wie ein Chemielehrer, der zum Meth-Tycoon wird – näher am Leben ist es allemal. Und es war damals Pionierarbeit. Ohne SATC wären Serien wie „Girls“, „The Mindy Project“ oder „Broad City“ schwer denkbar.

Ladies, warum so casual?
Ladies, warum so casual?
© imago/MediaPunch

Vier Seelenverwandte

„Es ist schwer, Menschen zu finden, die dich lieben, ganz gleich was passiert“, sagt Carrie, als ihr Ende der dritten Staffel das Herz gebrochen wird. „Glücklicherweise habe ich drei gefunden.“ Charlotte schlägt später vor, dass sie selbst ihre Seelenverwandten füreinander sein können.

„Ihr drei seid die Lieben ihres Lebens“, sagt Carries Lover Big Miranda, Charlotte und Samantha im großen Finale. „Ein Mann hat nur Glück, wenn er an vierter Stelle steht.“ Das Konzept von Freundinnen als Familie ist eines, das sich durch sämtliche Staffeln zieht. Ich glaube, dass es mich bis heute geprägt hat. Auch heute noch entspricht es nicht der Norm, Freundschaften mit romantischen Beziehungen gleichzustellen – vor allem nicht für Frauen.

Dass sich die Schreiber:innen doch noch zu einem Rom-Com-artigen Ende haben hinreißen lassen, ist tragisch. Nichtsdestotrotz ist es eine andere Szene im großen Finale, die mich damals mit 16 zum Heulen gebracht hat und es immer noch tut: die, in der Carrie ihre Freundinnen wieder in die Arme schließt und sie zu viert durch die Straßen von New York City gehen. Ja, meine erste große Liebe hat viele Schwächen. Aber ich glaube an das Gute in ihr.  

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