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© Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg

Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg: „Stereotype sind nicht per se schlecht“

Lea Wohl von Haselberg gehört zum Kuratorinnenkollektiv des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg. Im Interview spricht sie über mediale Repräsentation und Erinnerungskultur.

Von Lena Schneider

Lea Wohl von Haselberg, vergangenes Jahr trat das neue Leitungsteam des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg mit der Ansage an, keine Mottos mehr setzen zu sollen. Über der neuen Ausgabe steht nun: „Jewcy Movies“. Was hat es damit auf sich?
Das ist tatsächlich vor allem ein Sprachspiel. Die inhaltliche Breite, den Fokus auf Diversität, den behalten wir genauso bei wie im letzten Jahr. „Jewcy Movies“ steht einfach dafür, dass die Filme auch Spaß machen sollen – für die Lust, die das Festival machen will, dort hinzugehen.

Französische Komödie, argentinische Mockumentary, Geschichtsdrama, Dokumentarfilme: die Genrevielfalt ist riesengroß. Gibt es bei all dem dennoch einen roten Faden, der hier und da aufblitzt?
Natürlich haben wir als Kollektiv das große Ganze im Blick und versuchen in gewisser Hinsicht zu verhindern, dass es einen roten Faden gibt – und wenn wir einen entdecken, versuchen wir auch, Kontrapunkte zu setzen, um die Vielfalt aufrechtzuerhalten. Wir wollen mit dem Festival ja nicht die Frage beantworten, was jüdischer Film ist, sondern die Frage immer wieder neu stellen.

Welche zum Beispiel?
Ein Faden ist zum Beispiel „Bewegung“ in diesem Jahr. Migrationsbewegung, Bewegung zwischen Ländern, transnationale Bezüge – das ist etwas, was jüdische Erfahrungen im 20. und 21. Jahrhundert sehr geprägt hat und entsprechend auch in den Filmen auftaucht.

 Wo werden welche Konventionen durchbrochen? Darum geht es uns

Lea Wohl von Haselberg

Warum zum Beispiel haben Sie sich als Jurorin gerade für die französische Komödie „Rose“ stark gemacht?
Der ideale jüdische Film für mich wäre ein Film, der ein ganz ungewöhnliches neues Thema hat, das filmsprachlich und ästhetisch auf eine innovative Weise erzählt wird und das Publikum nachhaltig fesselt. „Rose“ ist eine sinnliche französische Komödie, man kann lachen und an ein oder zwei Stellen auch ein bisschen weinen.

Gleichzeitig hat er diesen Moment, wo es ungewöhnlich wird. Das ist vor allem die Protagonistin, die keine junge Frau ist, sondern die fast achtzig ist und auch noch eine Sexualität hat, die sie leben möchte. Weibliche Sexualität wird ohnehin weniger thematisiert als männliche – und wenn, dann von jungen Frauen. Dazu kommt, dass Rose eine sephardische Jüdin ist, auch das ist interessant. Wo werden welche Konventionen durchbrochen? Darum geht es uns.

Jüdisch-arabische Annäherung. Orit Fouks Rotems Kammerspiel „Cinema Sabaya“ handelt von einem Filmworkshop von Frauen.
© Ella Barak

Sie lehren an der Filmuniversität Babelsberg zu jüdischer Filmgeschichte. Inwiefern spielt der Horizont der Ufa- und Defa-Geschichte beim Festival eine Rolle?
Wir sind das einzige jüdische Filmfestival in Deutschland, insofern gibt es einerseits die bundesweite und internationale Perspektive. Andererseits versuchen wir auch, ein Potsdamer Festival zu sein. Im Oktober beginnen wir ein neues Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Moses-Mendelsohn-Zentrum und den Jüdischen Studien der Uni Potsdam, in dem es um das jüdische Filmerbe geht.

Darin legen wir auch einen Fokus auf das Filmerbe der Defa und suchen nach Schnittstellen mit dem jüdischen Filmerbe. In Babelsberg gab es immer auch jüdische Absolvent:innen – und natürlich gibt es hier die Ufa-Geschichte vor Ort, mit dem Ausschluss jüdischer Filmschaffender ab 1933.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit der Repräsentation des Jüdischen im bundesrepublikanischen Diskurs. Die Festivalgründerin Nicola Galliner sagte einmal, in Deutschland werde das Judentum immer mit Tod verbunden. Teilen Sie diese Meinung?
Ich würde anders anfangen. Wir haben es hier ja mit einem Paradoxon zu tun. Einerseits ist die jüdische Minderheit in Deutschland relativ klein. Das heißt, jüdische Themen sind vielfach medial vermittelt und nicht von realen Erfahrungen begleitet. Viele in Deutschland kennen keine lebenden Jüdinnen und Juden.

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Die Wahrscheinlichkeit, einer jüdischen Figur im Fernsehen zu begegnen ist größer als auf der Straße. Gleichzeitig: Wenn man dann Filme über jüdische Erfahrungen macht, kann man nur mit Bildern arbeiten, die das Publikum auch versteht. Das Paradoxe ist nun: Einerseits ist die mediale Repräsentation bedeutsam, weil es für viele Menschen in Deutschland der Begegnungsort mit Jüdinnen und Juden ist. Andererseits ist, was und wie man erzählen kann, ziemlich limitiert.

Beobachten Sie Versuche, sich aus diesem Paradoxon zu lösen?
Ich glaube, dass sich da gerade viel verändert. In den vergangenen zehn Jahren entstanden auch Filme, die subversiv sind, etwas Neues probieren, ganz offen alten Darstellungen widersprechen.

Die Wahrscheinlichkeit, einer jüdischen Figur im Fernsehen zu begegnen ist größer als auf der Straße

Lea Wohl von Haselberg

Filme tun also gut daran, Klischees, die ohnehin in der Welt sind, gegen den Strich zu bürsten?
Ja. Als Wissenschaftlerin habe ich den Vorteil, dass ich mir größere Kontexte angucke und dann sagen kann: Nicht der einzelne Film mit einem Stereotyp ist das Problem, sondern wenn alle Filme immer die gleichen verwenden - oder wenn alle Filme die gleichen Erzählungen wiederholen. Manche Filme sind vielleicht für sich genommen gar nicht so problematisch. Zum Beispiel ein deutscher Fernsehkrimi mit einer jüdischen Figur, die ein Professor ist. Wenn ich aber jüdische Figuren im Fernsehen immer nur als Professoren sehe, die in schönen Altbauvillen leben, dann verdichtet sich das zu einem problematischen Bild: Alle Juden sind gebildet und finanziell gut gestellt. Das macht den einzelnen Film nicht antisemitisch - aber in der Summe geraten wir in eine Schieflage.

Gegen den Professor in seiner Villa setzen Sie die Vielfalt im Programm. Um eine annähernde Idee davon zu bekommen, was es heißen kann, jüdisch zu sein, müsste man eigentlich alle Filme sehen?
Genau, und danach könnte man gar keine Antwort mehr geben. Und das wäre cool.

Damit Sie haben meine letzte Frage schon unmöglich gemacht. Aber ich frage trotzdem, weil Sie auch eine Forschungsgruppe leiten, die so heißt: „Was ist jüdischer Film?“
In der Wissenschaft machen wir einen schlauen Move: Wir verwenden entweder andere Begriffe als „jüdischer Film“ - oder wir schauen, was eigentlich als „jüdischer Film“ gezeigt und programmiert wird. Wir gucken diskursiv drauf und suchen keine wasserfeste Definition. Für die Festivalarbeit ist es andersrum. Wir versuchen die Frage immer wieder zu stellen und uns mit den Fragen, die da dranhängen immer wieder neu zu beschäftigen. Unsere Aufgabe sind nicht die Antworten, sondern die Gesprächsanlässe, die wir stiften.

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