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Reise zu den Verursachern: Evelyn Achams Kampf gegen den Bau einer Öl-Pipeline

Der französische Mineralölkonzern Total will in Uganda Öl fördern und an die Küste in Tansania transportieren. Dagegen protestieren Klimaaktivistinnen aus aller Welt.

Evelyn Acham hat mehr als 5600 Kilometer Luftlinie zurückgelegt, um ihre Botschaft loszuwerden. „We cannot drink oil“, steht auf dem Plakat, das die Klimaaktivistin aus Uganda und ihre Mitstreiter:innen von Fridays for Future hochhalten. Das Grüppchen hat sich in der französischen Stadt Grenoble vor einer Tankstelle zum Protest versammelt. „Wir können kein Öl trinken“ – der Vorwurf richtet sich an das französische Mineralölunternehmen Total.

In Grenoble wird an diesem Wochenende gefeiert, dass die Unistadt am Fuße der Alpen zur europäischen Umwelthauptstadt 2022 ausgezeichnet wird. Der grüne Bürgermeister hat internationale Klimaaktivist:innen eingeladen, bei der Eröffnungsfeier zu sprechen. Luisa Neubauer aus Deutschland ist gekommen, Evelyn Acham aus Uganda auch.

Doch bevor sie diese Bühne nutzen, haben Acham und Neubauer mit ihren FFF-Mitstreiter:innen aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Polen und Tansania noch etwas zu erledigen. „Stop EACOP“, heißt es auf dem Plakat, das sie den Vorbeifahrenden an der Total-Tankstelle am Boulevard Maréchal Foch entgegen halten.

Protest gegen den Bau einer riesigen Öl-Pipeline durch Afrika: „Wir können kein Öl trinken“ (We cannot drink oil) heißt es auf den Fridays for Future-Plakaten.
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Die Abkürzung EACOP steht für ein Bauvorhaben, das in der europäischen Öffentlichkeit bisher noch keine größere Beachtung gefunden hat. In Zeiten der Klimakrise will das französische Unternehmen Total gemeinsam mit dem chinesischen Konzern CNOOC in Afrika die längste beheizte Rohöl-Pipeline der Welt errichten – die East African Crude Oil Pipeline.

Am Ufer des Albertsees im Osten Ugandas wird eine Plattform zur Ölförderung errichtet, weitere Ölfelder sollen im Murchison Falls Nationalpark, der für seine Wasserfälle berühmt ist, erschlossen werden. Das Rohöl soll mehr als 1443 Kilometer quer durch Uganda und Tansania bis zum Ölterminal Tanga am Indischen Ozean transportiert werden.

Dabei hatte selbst die Internationale Energieagentur im Mai 2021 eine radikale Wende in der Energiepolitik angemahnt. Die Organisation war in den 70er Jahren als Antwort auf die globale Ölkrise gegründet worden und sollte die Versorgung der Industrieländer mit Öl und Gas sicherstellen. Doch nun fordern die Expert:innen aus Paris das schnelle Ende des fossilen Zeitalters. Wenn weltweit der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 auf null reduziert werden solle, dürfe nicht mehr in neue Projekte zur Versorgung mit fossilen Brennstoffen investiert werden. Durch die neue Pipeline würden jährlich 33 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt, rechnen Fridays for Future vor.

August 2017: Grundsteinlegung für den Bau der EACOP-Pipeline durch Ugandas Präsidenten Yoweri Museveni und seinen damaligen tansanischen Amtskollegen John Magufuli, der mittlerweile verstorben ist.
© imago/Xinhua

Die Regierungen von Uganda und Tansania unterstützen das Projekt – in der Hoffnung, dass der Verkauf des Öls dringend benötigtes Geld bringt und neue Jobs entstehen. Doch Umweltschützer und NGOs gehen seit Jahren gegen das umstrittene Bauvorhaben vor - nicht nur wegen der schlechten Klimabilanz, sondern auch wegen der Risiken für die Umwelt und die lokale Bevölkerung.

Die Pipeline soll mitten durch Wildreservate gehen, die laut WWF Elefanten und Schimpansen beherbergen, beide auf der Roten Liste bedrohter Tierarten. Bei den Bohraktivitäten könne unkontrolliert Öl austreten und den Albertsee und das Becken des Victoriasees verschmutzen, fürchten die Gegner des Projekts. Nach Angaben von Oxfam werden außerdem 12.000 Familien ihr Land und damit ihre bisherige Lebensgrundlage verlieren.

Elefanten im Murchison Falls National Park in Uganda.
© imago images/Keren Su/DanitaDe

Klimaaktivistinnen wie Evelyn Acham haben die Hoffnung nicht aufgegeben, das Projekt noch verhindern zu können. Seit 2019 geht die heute 30-Jährige in ihrer Heimatstadt Kampala auf die Straße, inspiriert durch ihre Freundin Vanessa Nakate, die mittlerweile zur bekanntesten Stimme der Klimabewegung in Afrika geworden ist. Acham, 30 Jahre alt und studierte Landökonomin, streikt mittlerweile nicht mehr nur jeden Freitag fürs Klima, sondern täglich.

Wie sollen wir dieses Wasser trinken, wenn es zu Ölverschmutzungen kommt?

Evelyn Acham, Klimaaktivistin aus Uganda

„Für uns ist die gegenwärtige Klimakrise katastrophal“, erzählt sie am Tag nach den Protesten in Frankreich. In Uganda verändert sich das Klima schnell. Früher habe es zwei Regenzeiten gegeben, jetzt gebe es kaum noch Regen. Und wenn doch, sei es „sintflutartiger Regen“, der Lebensmittel, Ernten und Häuser beschädige.

Mehr Dürren – das bedeute weniger Nahrungsmittel und kein Wasser zum Trinken. Mehr als 40 Millionen Menschen in Uganda seien auf das Wasser im Becken des Viktoriasees angewiesen. „Aber wie sollen wir dieses Wasser trinken, wenn es zu Ölverschmutzungen kommt?“, fragt Acham. „Wir können kein Öl trinken.“

Die Klimaaktivistin Evelyn Acham aus Uganda bei ihrem Protest in der französischen Stadt Grenoble.
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Das politische Kalkül kann sie grundsätzlich verstehen. Die Regierungen von Uganda und Tansania wollen den Bau der Pipeline mit finanziellen Mitteln unterstützen, weil sie sich davon Entwicklung versprechen. Doch Acham wirft die Frage auf, wie lange eine solche Pipeline Einnahmen und Arbeitsplätze bringe. Und was sei mit den Katastrophen, die vor allem künftige Generationen erwarteten? „Wir dürfen nicht Profite vor Menschen stellen“, sagt sie. „Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, sauberes Wasser, eine saubere Umwelt und eine lebenswerte Welt.“

In Uganda seien viele junge Menschen gegen den Bau der Pipeline. „Aber sie gehen nicht an die Öffentlichkeit, weil sie Angst haben, verhaftet oder getötet zu werden“, sagt Acham. Sie selbst protestiert in ihrer Heimat inzwischen offen nur noch fürs Klima, aber nicht gegen die Pipeline. Früher habe sie in Kampala auch vor Total-Tankstellen protestiert. Doch das sei „unheimlich“ und „riskant“ geworden. Seit einiger Zeit mache sie das nicht mehr, weil es oft zu Drohungen und Verhaftungen komme.

Mit ihrer Reise nach Grenoble verfolgen Acham und ihre Mistreiter:innen Isaac, Edina, Baraka and Faith aus Uganda und Tansania ohnehin ein anderes Ziel: Sie wollen in Europa mehr Aufmerksamkeit schaffen für das gigantische Bau-Projekt, das den globalen CO2-Ausstoß erhöhen wird. Neue Ölpipelines zu bauen, sei für die gesamte Menschheit eine Gefahr, sagt Acham. „Nicht nur marginalisierte und verwundbare Gemeinschaften werden ihre Hoffnung auf Zukunft verlieren, auch die reichen Länder werden Katastrophen durch die Klimakrise erleben.“

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