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© Italo Feelings Worldwide

Trend-Schmuck aus Fimo oder alten Gabeln: Als wären Schnullerketten aus der Kinderabteilung zweckentfremdet worden

Immer mehr Menschen schmücken sich mit Accessoires, die wie für einen Kindergeburtstag wirken. Doch sie kosten schon mal 189 Euro.

Von Antonia Herbot

| Update:

Bunte Ringe aus Modelliermasse, Perlenketten durchbrochen von kleinen gelben Smileys und bunte Plastikhaarspangen im Haar – was klingt wie die passende Kleidung für einen Kindergeburtstag, ist das, womit sich gerade immer mehr Menschen schmücken, die eigentlich dem Kinderzimmer entwachsen sein sollten. Auch bunte Handyketten mit dicken Holzperlen wirken, als wären Schnullerketten aus der Kinderabteilung im Drogeriemarkt zweckentfremdet worden. Und das obwohl es vielen jungen Menschen in den Jahren zuvor nicht schnell genug gehen konnte, wie ihre eigenen Eltern auszusehen.

Während die Jugend normalerweise eine Zeit ist, in der man aus dem Kinderzimmer herauswächst, waren viele Teenager während der Pandemie dort eingesperrt. Keine Flucht in Clubs, Sportvereine oder einfach nur auf den Dorfspielplatz. Bei vielen hat die Langeweile so überhandgenommen, dass sie sogar freiwillig mit dem Aufräumen begonnen haben.

© Wald Berlin

Dabei fand sich einiges an. Steckperlen, Glitzersteine und die alte Nähmaschine taugten zum Zeitvertreib, und bei manchen Bastler:innen ging es sogar darüber hinaus. Das „Bedroom Business“, das Kleinstunternehmen aus dem eigenen Schlafzimmer, erlebte während der Quarantäne einen Boom und animierte Menschen dazu, etwas Neues zu lernen.

Die Resultate können unterschiedlichster Natur sein. Kerzen, Ringe, bunt beklebte Haarspangen oder handbemalte Vasen. Eins haben sie alle gemeinsam: Sie wirken selbst gemacht und verspielt.

Klares Symbol: Die Smiley-Ketten von Wald Berlin sind eine gute Mischung aus edel und verspielt.
Klares Symbol: Die Smiley-Ketten von Wald Berlin sind eine gute Mischung aus edel und verspielt.
© Wald Berlin

Am besten laufen gerade ungewöhnliche Schmuckstücke, wie die des Labels „Wald Berlin“, die mit ihrer Smiley-Perlenkette auf Instagram und in Hipster-Kreisen schon fast einen Kultstatus erreicht haben. Die 189 Euro teure Süßwasserperlenkette mit neonfarbenen Smiley-Emojis trifft ziemlich genau, was diesen Trend auszeichnet: Zeitlose Schmuckstücke werden durch verspielte Elemente aufgebrochen. Das Versprechen: Spaß im tristen Alltag. Ihre aktuelle Kollektion ließen die beiden Gründerinnen aus Berlin, die vorher eine Boutique mit dem gleichen Namen besaßen, gleich an Mutter und Kind fotografieren.

Wem das zu brav ist, findet beim Berliner Label „Italo Feelings Worldwide“ Urlaubsfeeling für die Hände. Die bunten Plastikringe schlängeln sich wie Serpentinen um die Finger und sind farblich von Aperol Spritz und Limoncello inspiriert. Auch diese klobigen Schmuckstücke entstehen am heimischen Küchentisch.

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Sogar auf den internationalen Modenschauen fanden sich die infantilen Motive wieder. Jeremy Scott ließ das Model Gigi Hadid im September für das italienische Label Moschino an einer überdimensionalen Babyflasche nuckeln und kokettiert mit knappen Shorts, verziert mit Bauchketten. Durch den Schnitt und die herabhängenden Sicherheitsnadeln ist klar: Der Designer hatte beim Entwerfen Windeln im Sinn. Die Models tragen Teddybären in den Händen und als überdimensional große Drucke auf der Kleidung, wirken aber mit starkem Make-up und viel Haut trotzdem sexy. Da könnte Jeremy Scott den Bogen etwas überspannt haben: Erwachsene Frauen im Jahr 2021 als niedliche Lolitas darzustellen, hinterließ bei vielen einen bitteren Beigeschmack.

Sehr viel unschuldiger kommen die selbst gemachten Accessoires daher, für die man Tausende Bastelanleitungen auf Tiktok findet. Bunte Perlenketten zum Selbstauffädeln, die Wiederentdeckung der Modelliermasse Fimo und Ringe aus alten Gabeln gehen viral. Die Videoplattform hat im letzten Jahr aus vielen jungen Menschen Geschäftsleute gemacht. Erfolgreiche Clips von der ersten selbst gemachten Kerze bis zur Massenproduktion, bei der die Oma im Wohnzimmer mithilft, schaffen durch ihre emotionale Werbung Kaufanreize, von denen Großkonzerne nur träumen können.

Soziologen erklären die Rückkehr zu glitzernden Haarspangen und den Hype um alte Disney-Serien wie „Hannah Montana“, die sich hauptsächlich um alltägliche Teenie-Probleme drehen, mit der ersten großen Krise, die die Generation Z betrifft. Sie haben den 11. September zwar miterlebt, aber nicht erfassen können, und empfinden jetzt durch die Pandemie das erste Mal eine unmittelbare Bedrohung.

Wie vieles in der Jugendkultur findet der Trend auch Anklang bei Älteren. Influencerinnen wie Chiara Ferragni und Stefanie Giesinger werden quasi nur noch mit buntem Schmuck gesichtet und Berichte in Modemagazinen beschleunigen den Weg in den Mainstream.

Bei so viel knallbuntem Eskapismus ist es plötzlich egal, dass die Materialien alles andere als umweltschonend sind. Kunststoffe aller Art sind die Hauptbestandteile der Schmuckstücke. Und spätestens seit auch Fast-Fashion-Konzerne wie der britische Onlinehändler Asos diese Accessoires anbietet, kann trotz Bastelcharme von nachhaltiger Mode keine Rede sein.

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