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© Ernest Hemingway Collection at the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wandern in der Eifel: Auf Hemingways Spuren durch den Hürtgenwald

Im Jahr 1944 reiste der Schriftsteller und Reporter in die Eifel, um den Krieg zu sehen. Ein Erlebnis, das ihn tief verstörte. Heute erinnert ein Wanderweg an die blutige Schlacht im Hürtgenwald

Von Markus Harmann

Dies also ist er, der Ort, über den Ernest Hemingway schrieb: „Eine Gegend, in der es äußerst schwierig war, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein.“

Großhau in der Nordeifel, gut eine Autostunde südwestlich von Köln, 500 Einwohner. Einfamilienhäuser auf großen Grundstücken, gepflegte Vorgärten, in denen der lila Rhododendron blüht. Auf einer kleinen Wiese grasen Schafe. Eine Gegend, in der es heute vermutlich leicht fällt, zu leben.

Am Ortsende liegt der Wanderparkplatz Glockenofen. Das Gras steht kniehoch, die Buchen am Rand leuchten hellgrün. Hier beginnt der Hemingway Trail, ein knapp zehn Kilometer langer Rundwanderweg, der an den Aufenthalt des Schriftstellers und Kriegsberichterstatters in der Eifel erinnert, genauer: im Hürtgenwald.

Nach 18 Tage verließ er die Eifel, lungenkrank und traumatisiert

Am 10. November 1944 ließ sich der berühmte US-Amerikaner hierher, an die Front, fahren, um Eindrücke zu sammeln aus dem Krieg. Sein Kumpel, Regiments-Kommandeur Colonel Charles T. Lanham, erwartete ihn bereits. Hemingway kam als ein vom Krieg begeisterter Geschichtenerzähler und Reporter der US-Zeitschrift „Collier’s“. Er verließ die Eifel nur 18 Tage später als lungenkranker und traumatisierter Mann, für den der Krieg seine Faszination verloren hatte. Vor 60 Jahren, am 2. Juli 1961, nahm sich der Literatur-Nobelpreisträger in seinem Haus in Ketchum, hoch oben in den Rocky Mountains, das Leben.

Hendrik Buch, 32, hat sich vor zehn Jahren zum History Guide ausbilden lassen.
© Markus Harmann

„Was Hemingway im Hürtgenwald gesehen und erlebt hat, muss ihn tief geschockt haben“, sagt Hendrik Buch, während er vom Wanderparkplatz aus auf den Pfad mit der Nummer 44, den Hemingway Trail, einbiegt. Der 32-Jährige hat sich vor zehn Jahren zum History Guide ausbilden lassen. Seitdem führt er Besucher über die Wanderrouten der Nordeifel. Aufgewachsen ist er im Nachbarort Vossenack. Wie Großhau war auch Vossenack Schauplatz harter Kämpfe, die sich zwischen Oktober 1944 und Februar 1945 zugetragen haben. Die US-Armee wollte den Hürtgenwald schnell in Richtung Rhein durchqueren. Doch der Widerstand der Wehrmacht war erbittert. Granaten zersplitterten an Bäumen und zerfetzten deren Kronen, herabstürzende Äste waren ebenso gefährlich wie Projektile. Der Boden war mit Minen übersät. Dazu kamen Schlamm, eisige Kälte und der Schnee eines strengen Winters. Mehr als 20 000 Soldaten verloren im Hürtgenwald ihr Leben, ebenso viele wurden verwundet.

Die Kämpfe gehörten zu den verlustreichsten für die US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Huertgen Forest – dieser Name ist tief im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner verankert. Dabei hieß das hügelige und unübersichtliche Fichten-Dickicht, das ziemlich genau so groß ist wie der Berliner Bezirk Pankow, ursprünglich nur: Staatsforst.

„Lange glaubte man, die Amerikaner nannten das Waldgebiet nur wegen des Dorfes Hürtgen so. Aber sie haben den Namen wohl auch deshalb gewählt, weil er so sehr nach ,hurt‘ klingt – verletzt“, sagt Buch und passiert wenige hundert Meter südlich von Großhau eine abgezäunte Weide. Drei einsame Buchen wachsen auf einem sanften Hügel, davor eine Senke. Hemingway schreibt in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ über diese Stelle: „Eines war ein arschnackter Hügel, den man passieren musste, um nach Großhau zu kommen. Gerade bevor man an diese Stelle kam, die unter Beobachtung lag, gab es ein kleines Stückchen Niemandsland.“ Am Ende des Krieges war Großhau völlig zerstört. „Es standen gerade noch drei Häuser“, erzählt Buch.

Die Fichten wachsen im Abstand von zwei bis drei Metern kerzengrade aus dem Boden. 40 Jahre sind sie alt. Nachkriegsware.
© Markus Harmann

Hinter der Wiese beginnt der Wald. Nach wenigen Metern stehen Wanderer vor einem Gedenkkreuz, auf dessen Spitze ein Stahlhelm-Imitat aus Beton angebracht ist. Es erinnert an die Soldaten einer amerikanischen MG-Einheit, deren sterbliche Überreste erst 55 Jahre nach den Kämpfen gefunden wurden. Der Wald ist hier besonders dicht. Die Fichten wachsen im Abstand von zwei bis drei Metern kerzengrade aus dem Boden. Buch schätzt ihr Alter auf 40 bis 50 Jahre. Nachkriegsware also.

„So ähnlich hat es hier ausgesehen, als die Kämpfe begannen“, sagt Buch. Damals dämpften allerdings die dicht-grünen Baumkronen die Sonnenstrahlen zu einem unheimlichen Zwielicht am Boden. Auf Hemingway wirkten die Eifelwälder deshalb „wie Kulissen zu Grimms Märchen, nur noch grimmiger“. Heute sind die Wipfel braun oder gleich ganz verschwunden. Mit der Trockenheit der vergangenen Jahre kam der gefräßige Borkenkäfer.

Der Wind ist kräftiger geworden, die Baumkronen schwingen und knarzen bedenklich. Hendrik Buch schaut nach oben, mahnt weiterzugehen. Er möchte diesen Waldabschnitt schnell verlassen.

Noch immer sucht die US-Armee mehr als 100 Soldaten, die im Hürtgenwald vermisst werden.
© Markus Harmann

Das wollten damals auch die jungen, im Wald- und Stellungskrieg vollkommen unerfahrenen US-Soldaten. „Für die Amerikaner ist der Hürtgenwald das, was für die Deutschen Stalingrad ist“, sagt Buch. Ein Symbol für die Sinnlosigkeit und die Schrecken des Krieges. Bis vor einigen Jahren kamen immer wieder Veteranen aus den Staaten, heute manchmal deren Kinder und Enkel. „Noch immer sucht die US-Armee mehr als 100 Soldaten, die hier vermisst werden.“

Sind es Schützenlöcher? Granattrichter?

Über sanft ansteigende Schotterwege geht es nach rund vier Kilometern hinauf auf über 300 Meter. Die Bäume wirken hier jünger und gesünder. In diesem regenreichen Mai zeigt sich das Grün in all seinen Schattierungen. Rechter Hand tauchen Krater im Waldboden auf. „Das könnten Schützenlöcher gewesen sein, vielleicht auch Granattrichter“, sagt Buch.

Unten mäandert plätschernd der Weiße Wehebach in Richtung Stausee. Biber haben überall im Flüsschen Holz gestapelt. Wer abseits des Wanderwegs ein paar hundert Meter bergab läuft, hat einen Panoramablick auf die Talsperre. Erst seit 1983 staut sie den Wehebach zu einem gewaltigen Wasserbassin auf. Hemingway muss den Fluss über eine inzwischen versunkene Brücke überquert haben, sonst wäre er nicht nach Großhau gekommen. Wahrscheinlich war sie es, die seinem späteren Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ den Titel gab.

Nur auf zwei von 280 Seiten schreibt Hemingway über den Hürtgenwald

Auf lediglich zwei von 280 Seiten schreibt er in dem 1950 erschienenen Werk über den Hürtgenwald. Wie in vielen seiner Romane ist der Protagonist sein Alter Ego. In diesem Fall ein alternder Oberst, der resigniert zurückblickt auf sein Leben und die Weltkriege.

Hemingway posiert 1938 in Mexico neben einem Stier.
© imago stock&people

Hemingway, 1899 in Illinois geboren, Großwildjäger, Lebemann, heftiger Trinker, war im Juni 1944 mit den Alliierten in der Normandie an Land gegangen, wenn auch nicht an vorderster Front. Später rühmte er sich aufschneiderisch damit, Paris befreit zu haben. Tatsächlich residierte er im Ritz und hielt Champagner trinkend Hof.

Anfangs war der Krieg für den Schriftsteller noch ein großes Abenteuer. Dann kamen der Winter – und mit ihm die schweren Kämpfe in der Death Factory, der Todesfabrik, wie die Amerikaner bald über den Hürtgenwald sagten. Die Verluste waren enorm.

„Wir bekamen eine gewisse Menge Ersatz, aber ich kann mich besinnen, dass ich dachte, es würde einfacher und zweckdienlicher sein, sie in der Gegend, wo man sie auslud, zu erschießen, als den Versuch machen zu müssen, sie von dort, wo sie getötet wurden, zurückzuschaffen und zu begraben“, schreibt Hemingway.

Eine Zusatzschleife verlängert den Weg von 10 auf 15 Kilometer

Westlich des Wehebachs können Wanderer eine Zusatzschleife einlegen. Sie führt über fünf Kilometer durch das Gebiet Rabenheck. Eine Grundsatzentscheidung, erst recht bei feucht-warmem Wetter, denn der Gesamtweg verlängert sich auf insgesamt 15 Kilometer. Zwar ist es nirgends wirklich steil, dafür wird der Weg an manchen Stellen etwas schlammig. Ausdauer ist gefragt.

Diese Brücke könnte die Inspiration zu Hemingways Buchtitel „Über den Fluss und in die Wälder“ gewesen sein.
© Markus Harmann

Vor 80 Jahren gab es noch keinen dieser Pfade. An jedem Abzweig hält man kurz inne und sucht die 44. Diese Extra-Schleife also führt nach gut einem Kilometer hin zu einem kaum noch auszumachenden Plateau. Mit viel Fantasie ist eine Einfahrt zu erkennen. Sie endet vor einem Durcheinander aus kleinen Birken, aus federndem Waldboden mit Gräsern und Tannenzapfen. Hier genau soll er gewesen sein, der Gefechtsstand, in dem Hemingway seinen Freund, Colonel Lanham, traf und – so haben es Historiker später ermittelt – selbst zur Waffe gegriffen hat, um sich gegen einige versprengte deutsche Soldaten zu verteidigen. In Briefen rühmte sich Hemingway später, eigenhändig „122 Krauts“ umgebracht zu haben. Das konnten Gutachter allerdings widerlegen, es war reine Fiktion.

Hendrik Buch hat an dieser Stelle schon häufiger Patronenhülsen gefunden, als Kind stieß er sogar mal auf eine Handgranate. „Hier liegt immer noch Munition im Boden.“ Hochgegangen ist in den vergangenen Jahren aber nichts mehr, nicht einmal, als die Waldarbeiter mit ihren schweren Maschinen durch den Hürtgenwald pflügten, um die toten Fichten umzulegen und herauszuziehen. Selbst kurz vor Ende des Wanderwegs, als der Parkplatz Glockenofen schon beinahe wieder in Sichtweite ist, bittet Buch seine Gäste, auf den ausgeschilderten Wegen zu bleiben. „Man weiß ja nie, auch 76 Jahre nach Kriegsende ist dieser Wald noch voller Geheimnisse.“

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