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© Andrea Katheder

Ein Klimaexperte macht den Wahlcheck: „Wir sind erschreckend wenig vorangekommen“

Für Energiewende und Klimaanpassung muss endlich der Berliner Gebäudebestand saniert werden, sagt Umweltexperte Stefan Richter.

Von Stefan Jacobs

| Update:

Spätestens seit 2017 bekommen wir auch in Berlin eine Idee vom Klimawandel: Auf Überschwemmungen folgten die drei trockenwärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Sind wir schon da angekommen, wovor Wissenschaftler warnen?
Zumindest ist allen klar geworden, dass der Klimawandel auch uns betrifft und nicht nur andere Teile der Welt. Einige dürften überrascht sein, dass es so schnell ging.

Die Klimakrise macht sich vor allem durch immer längere Trockenperioden und größeres Unwetterpotential der wärmeren Luft bemerkbar. Wie wappnet sich die Stadt sinnvollerweise dagegen?
Der Gebäudebestand ist der Schlüssel, in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist er für etwa die Hälfte der Berliner CO2-Emissionen verantwortlich, hat von allen Sektoren also den größten Klimaeffekt. Zum anderen können wir es uns nicht länger leisten, das Regenwasser von den Hausdächern in die Flüsse abzuleiten, bei Starkregen sogar oft zusammen mit Fäkalien aus der Mischkanalisation. Das ist ein unglaublicher Anachronismus. Beseitigen lässt er sich, indem die Gebäude von der Kanalisation abgekoppelt werden, also indem Gründächer das Regenwasser aufnehmen oder es in umliegende Grünflächen, Mulden und Teiche geleitet wird, wo es versickern und das Mikroklima verbessern kann. Da geht es um nichts Geringeres als Lebensqualität.

Berlin soll bis 2045 klimaneutral werden.
© Getty Images / Alexander Haase/EyeEm

Der Gebäudebestand gilt wegen seiner enormen Potentiale als „schlafender Riese“. Wurde dieser Riese schon geweckt?
Nur bei den Vorgaben für Neubauten, aber das reicht nicht. Im Gebäudebestand liegt die jährliche Sanierungsrate bei desaströsen 0,8 Prozent. Um das zu ändern, brauchen wir in allen Bezirken zwingend eine verantwortliche Person für Klimaanpassung, die auch mit Ressourcen ausgestattet sein muss. Sie müsste die unterschiedlichen Haus- und Flächeneigentümer an einen Tisch bekommen und vor allem da aktiv werden, wo besonders viel Mischwasser in die Gewässer fließt. Bisher wird zu kleinteilig gedacht; Blockheizkraftwerke und Versickerungsflächen sind aber für einen Block oder Kiez sinnvoller als für ein einzelnes Haus. Dasselbe gilt für Solaranlagen, die sich übrigens prima mit Dachbegrünung kombinieren lassen. Um voranzukommen, brauchen wir nicht nur Anreize und Förderprogramme, sondern perspektivisch auch gesetzliche Vorgaben. Man könnte beispielsweise vorschreiben, Gebäude bei Grundsanierungen nicht nur energetisch zu optimieren, sondern auch von der Regenkanalisation abzukoppeln unter Einbeziehung der unmittelbaren Umgebung.

Hat der Senat denn die richtigen Dinge angepackt?
Dafür, dass das Thema seit Jahrzehnten erkannt ist, sind wir erschreckend wenig vorangekommen. Das beschlossene Ziel, jährlich ein Prozent der Flächen von der Mischkanalisation abzukoppeln, ist gut. Aber es gibt nicht mal ein Monitoring. Alle Fachleute sind sicher, dass das Ziel weit verfehlt wurde – auch deshalb, weil bisher eben nur gebäudeweise geschaut wird, statt größer zu denken.

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Gibt es weitere unerledigte Hausaufgaben?
Ja, beim Verkehr. Dessen CO2-Emissionen sind seit 30 Jahren praktisch konstant. Wir ersetzen die Kohle durch Wind und Sonne, haben immer effizientere Kühlschränke – aber unser Lebensstil ist immer noch „höher, schneller, weiter“. Das gilt für die gewachsene Wohnfläche pro Einwohner, aber im Verkehr macht es sich besonders drastisch bemerkbar: Die Effizienzgewinne werden durch mehr Mobilität und größere Autos aufgefressen.

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© picture alliance/dpa

Welche Konsequenzen muss der nächste Senat daraus ziehen?
Nehmen wir die Wista Adlershof und die Energieregion Lausitz: Das Limit im Berliner Südosten und erst recht im Umland sind nicht die Flächen, sondern der Verkehr. Die Leute sollten nicht jeden Tag aus Cottbus nach Adlershof ins Büro fahren, sondern überwiegend mobil arbeiten. Und für die Bürotage muss es einen exzellenten Schienenverkehr geben. Denn am Ende wählen die Leute das für sich beste Angebot – und das sollte nicht das Auto sein. Aber solange das Auto doppelt so schnell ist im Vergleich zur Fahrt mit einem im Stau steckenden Bus, haben wir ein Problem. Wir als Stiftung Zukunft Berlin schlagen für die nächste Legislaturperiode eine Internationale Bauausstellung für Berlin und Brandenburg vor zum Thema Klimaanpassung und Verkehr, um Fortschritte zu forcieren.

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Wie realistisch ist das Wahlkampfversprechen, dass auch künftig jeder frei entscheiden kann, ob er mit dem Auto durch die Stadt fährt?
Eine Stadtplanung mit Bundesstraßen für den Durchgangsverkehr quer durch die Stadt ist überholt. Ganze Stadtviertel für Autos zu sperren, scheint mir auch nicht die Lösung. Aber natürlich sollten wir Fußgängerbereiche ausweiten und den Platz neu verteilen. Da sind wir wieder beim besten Angebot: Wenn nur noch eine Spur für die Autos bleibt, aber dafür der Bus nicht mehr im Stau steht, profitiert der Umweltverbund. Hinzu kommt das Thema Parkraumbewirtschaftung. Die Autos bekommen den Platz in der Stadt bisher deutlich zu billig.

Trauen Sie der Berliner Verwaltung zu, die Stadt bis 2045 klimaneutral zu machen, wie es das gerade beschlossene Klimaschutzgesetz verlangt?
So, wie die Verwaltung zurzeit aufgestellt ist: Nein. Wir müssen endlich klar definieren, wer wofür zuständig ist – also Land, Bezirke im Auftrag des Landes und Bezirke allein. Es gab in dieser Legislatur zarte Versuche, die organisierte Verantwortungslosigkeit zu beenden, aber substanziell ist es nicht besser geworden.

Allen Beteuerungen zum Trotz ist der Schwund der Stadtbäume noch immer nicht gestoppt. Dabei ist ihr Nutzen für Mikroklima, Artenvielfalt und Lebensqualität immens. Sollte man im Sinne der Klimaanpassung nicht schleunigst die Straßen der Stadt konsequent bepflanzen?
Bäume sind immer richtig. Aber man muss sich auch um ihre Pflege kümmern und sinnvollerweise lokale Regenspeicher zur Bewässerung nutzen, statt mit Tankwagen herumzufahren. Damit sind wir wieder bei der wassersensiblen Stadt. Die betrifft nicht nur die Bäume, sondern auch unsere Trinkwasserreserven: Die Grundwasserstände sind deutlich gesunken.

Dagegen kommen wir nur an, wenn wir das Wasser in der Stadt halten und sinnvoll nutzen – also Bäume und Parks mit Regenwasser gießen statt mit Trinkwasser. Dezentrale Systeme dafür sind oft nicht nur relativ kostengünstig, sondern auch effektiver für die Lebensqualität: Ein Teich in der Nähe nützt den Menschen im Kiez mehr als riesige Abwasserspeicher wie der unterm Mauerpark. Aber dezentral heißt auch, dass sich überall jemand kümmern muss. Das Geld für solche Anlaufstellen wäre in jedem Fall gut angelegt. .

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