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© Nassim Rad/Tagesspiegel; VG Bild-Kunst, Bonn

Besuch beim Bildhauer Raimund Kummer: Berlin war seine Hüpfburg

Einst spielte er der Mauerstadt Streiche. Nun sorgt er sich vor Fehldeutungen. Raimund Kummer zeigt in einer Retrospektive alte und neue Werke.

Kummer kichert. „Nachts kommen die Heinzelmännchen hierher.“ Er zeigt um sich, in seinem Atelier, dort stehen Rollwagen, Leitern, Tische mit Modellen, auf einem Stativ trocknet ein Geschirrhandtuch. Hinter einer halbhohen Wand befinden sich eine Badewanne und ein Klo, in einer anderen Ecke warten ein paar Turnschuhe und ein Mini-Trampolin auf Benutzung. Hier laboriert, hier haust jemand. „Und die Heinzelmännchen, die machen die ganze Arbeit für mich. Ich muss sie nur erkennen.“ Kummer lacht jetzt laut, schüttelt sich auf dem tiefen Lederstuhl, auf den er sich für das Gespräch niedergelassen hat. „Das war zumindest immer meine Idealvorstellung.“

Raimund Kummer ist 68 Jahre alt, Künstler, Kunstprofessor und hat sich zu Anfang seiner Karriere einen Namen gemacht mit einer Reihe von Aktionen, die selbst für West-Berliner Verhältnisse verschroben waren. „Büro Berlin“ hieß die Künstler*innengruppe, mit der er zahlreiche „Situationen“ schuf und einfing. Man kann auch sagen: Streiche spielte.

Einmal zum Beispiel, da machten sie den U-Bahnhof Gleisdreieck zu einer ganztägigen Bühne, ließen Wasser durch Becken laufen, die sie im ganzen Bahnhof verteilt hatten, und schickten drei rotgekleidete „Dressmen“ zwischen all die wartenden Arbeiter im Blaumann. 2016 beging Kummer mit dem Kunsthistoriker Eugen Blume den Bahnhof erneut für die Video-Reihe „unterwegs. out and about“.

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Ein anderes Mal bemalte Kummer Stahlträger auf einer Baustelle farbig. Einen Tag lang blieben sie liegen, am nächsten wurden sie von Bauarbeitern abgeholt und eingebaut.

Dem Konzept des „Readymade“, das Objekte zu Kunst erklärt, setzten Kummer und seine Kolleg*innen das des „Realraums“ entgegen. Heißt: Was im Alltag passiert, die kleinen Zufälle, Unfälle, die sind schon interessant genug. Man muss nur hinschauen, hingehen. Sichtbar machen: so wie durch das Bemalen der Stahlträger. „Ein kurzes Rein- und Rausschieben“, erklärt Kummer. „Sich in einen Prozess einklinken und dann schnell wieder verschwinden.“

Streiche sind irgendwann mal ausgereizt.

Raimund Kummer, Fotograf, Bildhauer, Aktionskünstler

Kunst ist nicht mehr für die Ewigkeit, so die Überzeugung – sondern ein kurzer Moment, dem ein kleiner Kreis von Zeug*innen beiwohnt, meist selbst Kunstschaffende. „Sonst hat es ja kaum einen interessiert, was wir machen.“ Baustellen, Verkehr, Trümmer lagen damals in Kummers Fokus. „Skulpturen auf der Straße“ nannte er eine Fotoserie aus dieser Zeit. Die Stadt war seine Bühne, sein Spielplatz. Heute sei so etwas hier nicht mehr möglich, sagt er. Heute gebe es statt der Freiheit für „Realräume“ fast nur noch „Locations“: hip, glatt, teuer.

Außerdem: „Streiche sind irgendwann mal ausgereizt und ermüden dann.“ Ab dem Ende der 1980er Jahre fertigte Kummer vor allem Skulpturen, erhielt Geld für Kunst am Bau – und den Ruf an die Braunschweiger Kunsthochschule.

Schluss mit lustig – zumindest manchmal. Kummer in seiner Atelier-Badewanne.
© Nassim Rad/Tagesspiegel; VG Bild-Kunst, Bonn

Ein anderer Tag, diesmal in Braunschweig. Kummer trägt dieselbe Gelb umrandete Brille auf der Nase, die Gläser verdreckt. Kummers erste Einzelausstellung seit fünf Jahren steht an, in der Galerie seiner Hochschule, die ihn bald emeritiert.

Doch es passt noch nicht alles in der Ausstellungshalle, vor allem diese Wand im Eingangsbereich. Man sieht den Übergang, an dem die zwei Wandsegmente zusammengeschoben wurden. Ein Mitarbeiter haut mit dem Hammer auf ein Stück Holz. Die beiden einigen sich, dass es nun passt. Kummer lässt den Mitarbeiter gehen. Einen Moment später bemerkt er aber, dass nun oben etwas übersteht. Haut mit der Faust dagegen, mal von hinten, mal von vorn. Ohne Erfolg.

Dabei zeigt das zentrale Foto der Ausstellung genau einen solchen unpassenden Übergang, einen solchen produktiven Unfall. Es zeigt eine Reihe von Stahlplatten auf einer frisch asphaltierten Straße New Yorks. Dort hielt Kummer sich Anfang der 1980er-Jahre für einige Zeit auf. Keine der Platten fügt sich genau an die andere, immer steht links oder rechts etwas über. „Carl Andre“ heißt das monumentale vier mal drei Meter große, ausgedruckte Bild – eine Hommage an den gleichnamigen amerikanischen Minimalisten, in dessen Werk Stahlplatten eine zentrale Rolle spielen.

Kummer in seiner Ausstellung in der Galerie der Braunschweiger Hochschule für bildende Künste neben der Fotografie „Carl Andre“.
© VG Bild-Kunst, Bonn; Martin Salzer

Ein Großteil der ausgestellten Schwarz-Weiß-Bilder stammt aus der Phase Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, als Kummer West-Berlin und New York unsicher machte. Kummer spielt damals nicht nur mit der Stadt, sondern auch mit seinem Körper. Die Fotos zeigen ihn beim Weinen oder von oben seine Haare, in die ein Fragezeichen rasiert ist. Er spielt mit dem Körper des Mediums, der Fotografie. „Cut“, eine Serie von Selbstporträts, zerschnitt er vor dem Entwickeln. Die Fotos hängen in der Ausstellung horizontal an einer langen Wand; der Schnitt trennt und verbindet sie.

Detail aus der „Cut“-Serie.
© VG Bild-Kunst, Bonn, Martin Salzer

Und Kummer spielt mit seinem eigenen Werk. Einen der bemalten Stahlträger „rettete“ er vor dem Abtransport, stellte ihn in einer Galerie aus – und fotografierte dann nur die Füße der Besucher*innen.

Kummer hielt stets seine Aktionen fotografisch fest, auch wenn er sie damals oft anonym präsentierte. Durch Veröffentlichung der Fotos können sie nun seinem Werk zugeschrieben werden. Der Bruch mit einer dokumentarischen, sachlichen Ästhetik (zum Beispiel in der „Füße“-Serie), der beinahe obsessive Selbstbezug ist eine Lösung für das Dilemma: Wie schafft man vergängliche Werke – und gerät trotzdem nicht in Vergessenheit? Kummer sucht nach einem Gegenbeispiel. „Banksy hat es drauf angelegt und geschafft, dass andere seine Aktionen festhalten.“ Er selbst war immer auch sein eigener Biograph.

Seit 2016 macht das für ihn die Kunsthistorikerin Ulrike Pennewitz. Zusammen mit ihr legt er ein „Werkverzeichnis“ an, das als Online-Archiv erscheinen soll. Kummer betrachtet es wiederum als Kunstwerk. Denn es soll keine schnöde Auflistung werden, sondern Fragen zu seinen Arbeiten klären, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. „Was ist ein Werk? Und was nur Dokumentation? Das kann sich im Laufe der Zeit ändern.“

Kummer will das klarstellen, bevor es andere tun. Er hat Angst, falsch verstanden zu werden. „Ich betrachte das als politischen Akt. Da geht es um Deutungshoheit.“ Kummer will einmal mehr die Kontrolle behalten: über Aktionen, deren Triebfeder der Kontrollverlust war.

Ein Teil des „Tiers“: Holzgestell der Installation „Schliess die verdammten Eisfach“.
© VG Bild-Kunst, Bonn; Martin Salzer

Kichern tut der Künstler kaum an diesem Tag – und wenn, dann vor allem im zweiten Teil der Ausstellung. Der besteht aus einer einzigen Installation. „Schliess die verdammten Eisfach“ ist, so sagt Kummer, „ein Tier.“ Der „Körper“ ist ein Irrgarten aus umgebauten Holzgestellen, die einst dem Essener Folkwang-Museum als Ausstellungswände dienten. „Kopf“ und „Schwanz“ bilden zwei in Endlosschleife rotierende Filme.

Der eine zeigt ein „Schwenkguss“-Gerät, das Kunststoffe für Kummers Skulpturen mischt, es rotiert buchstäblich; der andere dokumentiert aus einem nebenher fahrenden Auto den nächtlichen Transport einer metergroßen Skulptur auf der Autobahn. Dazu spricht eine Frauenstimme aus verschiedenen Lautsprechern Titel von Kummers Werken. „Das war mal wieder was Verbotenes“, sagt Kummer über den Transport-Film – schließlich hätte man die Autobahn eigentlich sperren lassen müssen.

Je länger man in dem Raum verweilt, desto monströser erscheint das, dem man da ausgesetzt ist. Denn sämtliche Komponenten entstammen dem Orkus des Kunst- und des Kummerbetriebs. Dessen Infrastruktur, dessen Grundelemente – Transport, Gerüste, Mechanik – werden zu einem allumfassenden Werk verwurschtelt, einem niemals endenden Remix, zur göttlichen Verkündigung eines Sinns, der keinen Sinn ergibt.

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