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© Mohamed Babike/imago

Die Baumwurzelbewegung: Aufforstung soll im Kampf gegen die Klimakrise helfen

Weltweit gibt es etliche Projekte, mit denen Millionen neuer Bäume gepflanzt werden sollen. Worauf kommt es an, damit sie erfolgreich sind?

Von Cordula Eubel

Millionen, Milliarden, Billionen: Regierungen und Organisation auf der ganzen Welt überbieten sich mit dem Versprechen, die Erde wieder aufzuforsten. Manche Länder machen daraus sogar einen Wettbewerb. Äthiopien nimmt für sich in Anspruch, einen neuen Rekord aufgestellt zu haben: Im Juli 2019 sollen in zwölf Stunden mehr als 350 Millionen Setzlinge gepflanzt worden sein.

Die Initiative „1t.org“ verkündete im vergangenen Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos, eine Billionen Bäume bis 2030 pflanzen zu wollen. Die gleiche Zahl peilen große Umweltverbände wie der WWF mit der Kampagne „Trillion Trees“ an. Deutschland wiederum unterstützt die „Bonn Challenge“, die in diesem Jahrzehnt entwaldete Flächen in der Größe von Indien renaturieren möchte, insgesamt 350 Millionen Hektar Land.

Im westafrikanischen Senegal beginnt die „Great Green Wall“, eine aufgeforstete Zone, die sich durch die Sahelzone bis an die Ostküste des Kontinents ziehen soll.
© imago images/Le Pictorium

Um die Wüstenbildung in der Sahelzone zu stoppen, soll quer durch Afrika eine „große grüne Mauer“ gepflanzt werden: „Great Green Wall“ heißt das Projekt der Afrikanischen Union. Der 8000 Kilometer lange Baumgürtel soll sich von Dakar bis nach Dschibuti erstrecken, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Senegal bis nach Somalia an der Ostküste des Kontinents.

Gerade in Afrika gibt es nicht nur groß angelegte Pflanzaktionen, die von oben gesteuert werden, sondern auch viele kleine Initiativen - gewissermaßen eine Baumwurzelbewegung. In Gambia hat die 24 Jahre alte Studentin Fatou Jeng mit der von ihr gegründeten Organisation „Earth Gambia“ 5000 Kokospalmen an der Küste gesetzt, um zu verhindern, dass diese ins Meer abrutscht.

In Uganda erfand die 17 Jahre alte Fridays for Future-Aktivistin Leah Namugerwa das Projekt der „Birthday Trees“. Im Jahr 2019 feierte sie ihren 15. Geburtstag, indem sie 200 Bäume pflanzte. Seitdem bietet sie solche Aktionen auch für andere an. Auf mehr als 10.000 Bäume kommt sie mittlerweile.

Solche Beispiele gibt es viele. Das Bäumepflanzen hat in Afrika eine lange Tradition. Die Kenianerin Wangari Maathai gründete im Jahr 1977 das „Green Belt Movement“. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin, die in ihrer Heimat zunächst verfolgt und angefeindet wurde, legte damit den Grundstein für die Umweltbewegung in Afrika. Die Organisation hat nach eigenen Angaben bis heuet 51 Millionen Bäume in Kenia gepflanzt.

Doch was bringen diese Vorhaben tatsächlich, die kleine Initiativen vor Ort und die nationalen und transnationalen Projekte? Und welchen Beitrag können sie zum Umwelt- und Klimaschutz leisten?

Ein Anruf bei der Umweltwissenschaftlerin Karen Holl von der University of California in Santa Cruz. Mit ihrem Team betreibt Holl Feldforschung, in Kalifornien ebenso wie in Lateinamerika. Unbestritten sei, dass Bäume viele Vorteile haben: „Sie binden Kohlendioxid, speichern Wasser, bieten Lebensraum und Nahrung, spenden Schatten und verhindern Bodenerosion.“

Die Umweltwissenschaftlerin Karen Holl aus Kalifornien pflanzt zu Forschungszwecken auch selbst Bäume.
© privat

Die Forscherin hält es aber für problematisch, wenn das Bäumepflanzen als „einfaches Wundermittel“ angepriesen werde. Viele ambitionierte Initiativen seien meistens gut gemeint. Doch immer wieder gibt es auch Projekte, die scheitern. „Bäumepflanzen ist keine einfache Lösung“, sagt Holl. „Es muss sorgfältig geplant werden.“ Die „Besessenheit“, Bäume zu pflanzen, könne auch negative Auswirkungen haben, etwa wenn die falschen Bäume am falschen Ort gepflanzt werden.

Was also macht ein Pflanzprojekt erfolgreich? Fragt man Holl und andere Forscherkolleginnen, kristallisieren sich ein paar Regeln heraus.


1. Die richtigen Bäume am richtigen Ort

Die Hoffnungen, die die Bewohner des Baringo County in die neue Pflanze setzten, waren hoch: In den 80er Jahren wurde in dem Verwaltungsbezirk im Westen von Kenia die „Prosopis Juliflora“ aus Südamerika importiert. Der Baum, der schnell wächst und auf trockenem Boden gut zurechtkommt, sollte den Prozess der Wüstenbildung stoppen.

Die „Prosopis Juliflora“ im Cabo de la Vela in Kolumbien. Dort ist der Baum heimisch.
© imago/Panthermedia

Anfangs funktionierte das auch. Doch dann entwickelte sich der Import zu einer „wirklich traurigen Geschichte“, sagt Mieke Bourne vom World Agroforestry Centre in Nairobi. Denn nach einigen Jahren breitete der stark invasive Baum sich immer weiter aus.

Weideflächen wurden überwuchert, einheimische Pflanzen verdrängt. Die am Baum wachsenden Schoten verursachten bei den Ziegen Zahnausfall. Inzwischen gibt es Bemühungen, die Ausbreitung des Baumes wieder einzudämmen.

Auch andere afrikanische Länder setzen auf „exotische“ Pflanzen, etwa den schnell wachsenden Eukalyptus-Baum. Die Wissenschaftlerin Bourne empfiehlt stattdessen, bei Aufforstungen stärker auf heimische Arten zu setzen - auch wenn es sich um einen Baum handelt, der langsamer wächst.

Sie selbst ist für das Programm „Regreening Africa“ zuständig. In acht verschiedenen Ländern werden degradierte Landschaften wiederhergestellt, auch indem Bäume auf Ackerland, Gemeindeland und Weideflächen angebaut werden. Insgesamt geht es um eine Fläche von einer Millon Hektar für 500.000 Menschen.

In dem Programm arbeitet sie mit lokale Baumschulen zusammen. Ihr geht es auch darum, den Verantwortlichen Wissen weiterzugeben - etwa über geeignetes Saatgut oder die Qualität von Setzlingen.


2. Vorhandene Wurzeln pflegen

„Es ist oft nicht nötig, neue Bäume zu pflanzen“, sagt die Waldökologin Robin Chazdon. Die Wissenschaftlerin, bis vor kurzem Professorin an der University of Connecticut, ist weltweit als Beraterin zur Wiederherstellung von Wäldern und Landschaften gefragt, unter anderem für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

Gerade in Trockenlandschaften habe sich als Aufforstungsmethode die so genannte „Farmer Managed Natural Regeneration“ bewährt, sagt Chazdon. Dabei setzt man auf den natürlichen Überlebensmechanismus der Bäume, die vorher gefällt wurden. „Die Wurzeln sind immer noch da und schlummern unter der Erde.“

Wenn in solchen Gebieten die Erde nicht gepflügt werde, dann würden auch die Wurzeln nicht zerstört. Aus diesen können Schösslinge entstehen, die bei entsprechender Pflege zu kräftigen Bäumen heranwachsen.

In Niger habe sich diese Methode Anfang der 1980er Jahren zuerst verbreitet, sagt Chazdon. „Das war kein organisiertes Projekt, es gab auch keine Bemühungen der Regierung, das ist einfach von Bauer zu Bauer weiter getragen worden.“

Im Niger stieß der Entwicklungshelfer Tony Rinaudo auf die Methode, Bäume aus unterirdischen, oft noch intakten Wurzelsystemen zu ziehen.
© picture alliance/dpa

Zur Verbreitung beigetragen hat der australische Entwicklungshelfer Tony Rinaudo, der damals in Niger war, um Bauern bei ihrer Arbeit auf den trockenen Äckern zu unterstützen. Ihm fiel auf, dass auf dem kargem Land aus den Stümpfen gefällter Bäume neue Sträucher entstanden. Üblicherweise hackten die Farmer sie zu Feuerholz, sobald sie eine gewisse Größe erreicht hatten. Dadurch seien „unsichtbare Wälder“ unter der Erde verborgen geblieben.

Dass die Bauern zuvor kein Interesse hatten, aus dem verborgenen Wurzelwerk richtige Bäume zu ziehen, lag auch an den damals noch geltenden Gesetzen, die aus der französischen Kolonialzeit stammten. Diese legten fest, dass alle Bäume dem Staat gehören. Sie besagten, dass Landwirte die Bäume weder abernten noch Holz schlagen durften.

Als diese Gesetze geändert wurden, verbreitete sich die sehr kostengünstige Aufforstungsmethode. Mittlerweile ist sie in mehreren Ländern Afrikas verbreitet - gefördert durch Organisationen wie World Vision und Menschen wie Tony Rinaudo, der für sein Engagement den Alternativen Nobelpreis bekam.


3. Die lokale Bevölkerung einbinden

Die Aufforstungsexpertin Mieke Bourne hat die Erfahrung gemacht, dass die lokale Bevölkerung eingebunden sein sollte, damit ein Projekt erfolgreich wird.

Ähnlich sieht es ihre Forscherkollegin Holl. Die Menschen müssten den Anbau eines Baumes als „Wert“ ansehen. Wenn man Bäume auf dem Land von jemandem pflanze und derjenige keinen Nutzen daraus ziehe, werde er diese Bäume wahrscheinlich nicht weiter großziehen.

„Für einen Landwirt kann der Nutzen darin bestehen, dass er Brennholz erhält, Früchte wie Mangos ernten kann, Schatten für sein Vieh hat oder bei manchen Projekten auch eine finanzielle Vergütung bekommt“, sagt Holl.

Die Ökologin Chazdon hält es für problematisch, dass viele Großprojekte „top down“ gesteuert werden, also von oben nach unten. So sei es anfangs auch bei der „Great Green Wall“ durch Afrika gewesen. Ganz langsam setze sich bei einigen mittlerweile aber die Idee durch, stärker auf die lokale Bevölkerung zu hören - und auch deren Wissen zu nutzen.

Im Januar 2017 werden im Sudan etwa 1000 Bäume gepflanzt - als Teil der „Great Green Wall“.
© Mohamed Babike/imago

Als ein positives Beispiel nennt sie die Region Shenango in Tanzania. Vor 30 Jahren habe die Regierung dort ein Aufforstungs-Programm gestartet und wollte den Dorfbewohnern vorschreiben, welche Bäume sie zu pflanzen hätten. „Die lokale Bevölkerung hat protestiert und gesagt: Wir wollen unsere heimischen Bäume.“

Sie fanden Gehör - und bewirtschafteten die Flächen auf traditionelle Art: In der Regenzeit hielten sie ihr Vieh fern von den Wäldern, damit die Bäume dort ungestört wachsen konnten. Während der Trockenzeit durften die Herden dort grasen. Außerdem fingen sie an, eigenes Feuerholz anzubauen, um es nicht aus dem Wald holen zu müssen.

„Die Methode war sehr erfolgreich“, sagt Chazdon. Weil durch die Bewirtschaftung Einnahmen erzielt wurden, sei eine „positive Spirale“ in Gang gesetzt worden. „Die Kinder wurden besser ernährt. Und es blieb Geld übrig, um die Kinder zur Schule zu schicken.“


4. Einen langen Atem mitbringen

Damit sich das Anpflanzen von Bäumen auszahlt, müssten diese ein Jahrzehnt oder länger wachsen, sagt Aufforstungs-Expertin Holl. Leider gebe es Hinweise darauf, dass aufgeforstete Flächen oft innerhalb von ein oder zwei Jahrzehnten wieder gerodet würden.

Wichtig ist nicht, Bäume zu pflanzen, sondern sie großzuziehen.

Karen Holl, Umweltwissenschaftlerin

Bei gescheiterten Aufforstungsvorhaben fehle oft die langfristige Perspektive. Zurzeit gebe es Kampagnen, die einen Baum für einen Dollar versprechen. „Das klingt verlockend“, sagt sie. Doch auch wenn das vielleicht der Preis für das Einpflanzen eines Setzlings sei, decke das nicht die Kosten dafür, dass der Baum überlebt und mit der Zeit wächst. „Wichtig ist nicht, Bäume zu pflanzen, sondern sie großzuziehen.“


5. Den Klima-Effekt nicht überschätzen

Im Kampf gegen die Klimakrise werden Wälder oft als Teil der Lösung beschrieben. Wenn Bäume wachsen, nehmen sie durch Photosynthese Kohlendioxid aus der Luft auf und speichern dieses im Stamm, den Ästen, Wurzeln und im Humus. Wälder werden deshalb von Regierungen als „natürliche Senken“ mitgerechnet, die Kohlenstoff speichern können.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann findet es „offensichtlich“, dass der Wald eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel spiele. „Bäume sind die einzige solarbetriebene Maschine, die CO2 aus der Luft filtern kann“, sagt der studierte Förster. Wenn im Frühjahr die Nadelwälder in der Nordhalbkugel mit der Photosynthese begännen, senke das den weltweiten CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Hoffmann sieht das Potenzial, bei einer weltweiten Aufforstung von 350 Millionen Hektar die Erderwärmung um 0,15 - 0,2 Grad zu senken.

Wälder können allenfalls ein Zehntel der CO2-Emissionen auffangen.

Eike Lüdeling, Professor für Ressourcenschutz

Doch die Wissenschaftlerin Holl warnt davor, den Effekt zu überschätzen. „Um das Klima zu schützen, ist das Bäumepflanzen nur ein kleines Puzzleteil.“ Viel wichtiger sei, das Abholzen und die Zerstörung von bestehenden Wäldern zu stoppen und den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu reduzieren.

Auch Eike Lüdeling, Professor am Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn, sagt, Aufforstung dürfe nicht als Alternative zu CO2-Einsparungen gesehen werden. „Wälder können allenfalls ein Zehntel der CO2-Emissionen auffangen.“

Doch auch wenn der Klimaeffekt sich in Grenze hält, ist Wald-Expertin Bourne von der Grundidee des Aufforstens überzeugt. „Es geht nicht um die Frage: Ist es sinnvoll, Bäume zu pflanzen oder nicht?“, sagt die Wissenschaftlerin aus Nairobi. „Wir müssen stärker darüber reden, wie wir es besser machen können.“

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