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Alte Tradition. Die Zulu leben in hierarchischen Strukturen.
© Mark Lewis

Ewige Krieger: Welche Rolle die Zulu in Südafrika spielen

Die Zulu sind das größte Volk in Südafrika. Noch heute gehen sie auf Beutezug, wenn sie es für richtig halten – und könnten das Land jederzeit ins Chaos stürzen.

Von Johannes Dieterich

Auf einem Hügel mit atemberaubendem Blick über das Zululand knien ein gutes Dutzend in Felle gekleideter junger Männer im hohen Gras und stoßen heisere Kriegslaute aus. Ein mit Speer und Schild bewaffneter Mann stampft einen wilden ruckartigen Tanz, wirft ein Bein in die Höhe und schlägt schließlich mit dem Holzspeer auf sein Kuhhaut-Schild, dass es wie ein Schuss über die Hügel knallt.

In respektvoller Entfernung kauert eine Gruppe junger Frauen in bunten Perlencolliers über weißen Büstenhaltern. Als Ausdruck ihrer Genugtuung geben auch sie schrille Schreie von sich. In ihrer Mitte hockt die verschleierte Braut, die später in einem stürmischen Beutezug vom Bräutigam entführt wird. Jubelrufe unter den Männern: Die Braut ist erobert, die Ehe geschlossen. Sabelos Warnung war nicht wirklich nötig: Wer zu einer Zulu-Hochzeit geladen ist, erwartet keine Romantik.

Die Thronfolge ist heftig umstritten

Das mit zwölf Millionen Angehörigen größte Volk Südafrikas ist in aller Welt als kriegerisch bekannt. Seine Kämpfer wussten schon der britischen Kolonialmacht vor 150 Jahren eine seltene und empfindliche Niederlage beizubringen. Obwohl sich das Empire dafür ausführlich rächte, gelang es den europäischen Eindringlingen nie, das Königreich der Zulu so auszuradieren wie das anderer einheimischer Völker.

Noch heute residiert in Sichtweite des Hochzeitshügels der Zulu-Monarch, der seit dem Tod seines Vaters im Mai Misuzulu Zulu heißt. Oder auch nicht – die Thronfolge ist nämlich heftig umstritten. „Er spricht nicht einmal sauberes Zulu“, sagt Sabelo Ngema über den in den USA ausgebildeten Königsspross. Es ist einer von Ngemas 24 Neffen, der an diesem Tag Hochzeit feiert.

Der Erbfolgestreit ist nur eines der großen Probleme, dem sich das Volk der Zulu ausgesetzt sieht: Ein anderes ist politischer Natur – und wesentlich explosiver. Hier in Nongoma sieht wie nach einem Bombenangriff aus. Die Geschäfte des seelenlosen Straßenstädtchens sind mit Brettern zugenagelt. Auf den Gehwegen häufen sich die Scherben zertrümmerter Schaufensterscheiben, Geldautomaten sind aus den Mauern gerissen, Dächer aus Wellblech wie Sardinendosen aufgebogen.

Der Mob habe sein Geschäft bis auf den letzten Nagel ausgeraubt, berichtet ein Pakistani vor dem Gerippe seines Eisenwarenladens. „So sieht es aus, wenn man Tiere loslässt“, fällt ihm der weiße Manager einer gleichfalls bis auf die Regale ausgeräumten Metzgerei ins Wort.

350 Menschen getötet, Schäden in Höhe von drei Milliarden Euro

Die beiden Opfer der Plünderungen, die Mitte des Jahres über die Provinzen Gauteng und KwaZulu-Natal (KZN) vor sich gingen, sind sich einig: So etwas hat Nongoma noch niemals erlebt. Selbst Monate nach dem Gewaltexzess sind die Drahtzieher noch immer nicht ausgemacht, nur dessen Auslöser steht fest: Die Verhaftung des ehemaligen Staatspräsidenten Jacob Zuma, der vom höchsten Gericht des Landes zu 15 Monaten Haft verdonnert worden war.

Der Zulu hatte sich geweigert, vor einem Untersuchungsausschuss auszusagen, der sich derzeit mit den zahlreichen Korruptionsskandalen in seiner Regierungszeit beschäftigt. Innerhalb weniger Tage wurden in KwaZulu-Natal und den von Zulus bewohnten Teilen der Gauteng-Provinz mehr als 200 Einkaufszentren in Schutt und Asche gelegt, fast 350 Menschen getötet und ein Schaden von umgerechnet drei Milliarden Euro angerichtet.

Der ANC sagte, Südafrika gehöre „allen Menschen, die darin leben“

Die Botschaft war klar: Wer sich mit Zuma anlegt, bekommt es mit den Zulus zu tun. Ethnische Zugehörigkeit zu politischen Zwecken zu missbrauchen, hatte der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) stets peinlichst zu verhindern gesucht. Man wusste von schon früher aus der Kolonialherrschaft befreiten afrikanischen Staaten, wie verheerend sich ethnischer Chauvinismus, einmal angestachelt, auswirken kann. In vielen Ländern des Kontinents brachen nach der Unabhängigkeit erst einmal Kriege zwischen konkurrierenden Ethnien aus. Südafrika gehöre „allen Menschen, die darin leben“, hatte sich der ANC deshalb in sein Stammbuch, die „Freedom Charta“, geschrieben.

Wie selbstverständlich wurden Befreiungsbewegungen etwa vom dem Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli im Fall der Zulu geführt – oder von Nelson Mandela bei den Xhosa. Oder vom derzeitigen Präsidenten Cyril Ramaphosa, der dem kleinen Volk der Venda angehört. Nur Jacob Zuma strich seine Zugehörigkeit zum kriegerischen Mehrheitsvolk immer wieder heraus. Seine Fans pflegten T-Shirts mit der Aufschrift „100 Prozent Zulu“ zu tragen – auch vor 15 Jahren, als sich ihr Idol vor dem Johannesburger Amtsgericht wegen Vergewaltigung verantworten musste. Die Sitte seines Volks verbiete es ihm, einer leicht bekleideten Frau seine Manneskraft vorzuenthalten, verteidigte sich Zuma damals – und wurde vom (weißen) Richter tatsächlich freigesprochen. Zulu- Traditionalisten sahen sich bestätigt.

Abseits der Männer. Die Frauen des Volkes bei einer Hochzeitsfeier.
Abseits der Männer. Die Frauen des Volkes bei einer Hochzeitsfeier.
© Mark Lewis

Sabelo Ngemas Siedlung liegt wenige Kilometer außerhalb Nongomas: ein Grundstück mit zwei runden Lehmhütten für die Geister der Verstorbenen und drei rechteckigen Backsteinhäuschen für die Lebendigen. Im größten von ihnen wohnt Sabelo Ngema mit seiner Frau Buyisile, im zweiten ihr 26-jähriger Sohn Zenzele, im dritten der Erstgeborene Musa, wenn er zu Besuch aus Johannesburg kommt. Ihre Mahlzeiten nehmen die Männer dann gemeinsam im Esszimmer ein – erst später, wenn sie satt sind, isst Buyisile alleine in der Küche. „Das ist bei uns Zulus so üblich“, sagt Sabelo. „Frauen werden bei uns wie Kinder behandelt.“ Der 62-Jährige ist eines von 30 Kindern, die sein Vater mit vier Frauen zeugte.

Vielehe ist unter den Zulus nicht nur erlaubt, sondern eine Sache des Prestiges: Der verstorbene König hatte sechs Frauen, Jacob Zuma sogar sieben. Für den gläubigen Christen Sabelo kam Polygamie allerdings niemals in Frage. Er teilt sein Volk in zwei Gruppen ein: hier die „Ikholwa“, die Gebildeten, die getauft sind, möglichst lang zur Schule gehen und nach dem Abitur einen Job in der Großstadt zu ergattern suchen. Und dort die „Iqaba“, die Barbaren, die nur kurz die Schulbank drücken, um alsbald zum traditionellen Leben ihrer Ahnen zurückzukehren.

Dem Bruderzwist unter den Zulu fielen viele Menschen zum Opfer

Sie üben sich im Stockkampf, formieren sich zu Regimentern und stehen immer dann bereit, wenn dem Volk vermeintliche Gefahr droht. Wie Anfang der 1980er-Jahre, als die „Impi“ genannten Krieger vom Berater des Königs, Mangosuthu Buthelezi, zu den Waffen gerufen wurden.

Der Gründer der Inkatha-Partei sah die Gefahr in den sich auch im Zululand immer weiter ausbreitenden sogenannten Comrades des ANC, die sich als Sozialisten verstanden und von alten Zulu-Sitten nichts wissen wollten, von einem Leben unter dem Diktat des Königs ganz zu schweigen. Dem Bruderzwist unter den Zulu fielen in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren mehr als 20.000 Menschen zum Opfer. Um ein Haar hätte er auch die ersten demokratischen Wahlen 1994 entgleisen lassen.

Zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt sah Nelson Mandela die Versöhnung der Zulu als eine seiner wichtigsten Aufgaben an. Er schickte Jacob Zuma in die Unruheprovinz: Als Hybrid zwischen Comrade und „Iqaba“, der einst Kühe hütete und erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben gelernt hatte, schien dieser der ideale Vermittler zu sein. Tatsächlich stellte sich Zuma als durchaus erfolgreich heraus: Bald nahm die Zahl der Kämpfe und Schlachten ab, längerfristig gelang es dem ANC, der Inkatha-Partei ihre Dominanz im Land der Zulu streitig zu machen. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt Zumas Schachzug, den König aus seiner Liaison mit der Inkatha-Partei herauszulösen.

Dermaßen von Politikern aufgestachelt wird das kriegerische Volk nie zur Ruhe kommen.

Mary de Haas, Gewaltforscherin

Dabei erwiesen sich die gut vier Millionen Euro als hilfreich, die der regierende ANC dem König zur Finanzierung seines Hofstaats jährlich aus der Staatskasse zu zahlen bereit war – sowie die Zusage, dass der Monarch über einen Großteil des Grund und Bodens in der Provinz verfügen darf. Der ANC habe den König nach Strich und Faden verwöhnt, meint die Gewaltforscherin Mary de Haas, die die Vorgänge in der Zulu-Provinz seit Jahrzehnten studiert: Die sozialistische Befreiungsbewegung hatte sich in einen Mäzen der Monarchie verwandelt. Man nennt sie „Festungen der Furcht“: Die spartanischen Massenquartiere für Wanderarbeiter vor allem aus dem Zululand, die in den entlang der ehemaligen Goldader aufgereihten Stadtteilen Johannesburgs zu finden sind.

Das Chaos könnte sich jederzeit wiederholen

Von dort zogen Inkatha-Kämpfer einst zu ihren Feldzügen in die vom ANC dominierten Townships aus – außer mit traditionellen Speeren und Schilden auch mit Kalaschnikows bewaffnet. Zum ersten Mal in Johannesburg wohnte auch Sabelos ältester Sohn Musa in einem der „Hostel“ genannten Wohnblocks – und wenn der Einzige seiner Sippe mit Uni-Abschluss heute für sein kleines Bauunternehmen Tagelöhner sucht, besorgt er sich diese in der Mietskaserne von Jeppe’s Town.

Das weit über 2000 Bewohner zählende Hostel ist streng hierarchisch geführt, mit einem „Induna“ an der Spitze, der seine Untertanen im Notfall mit dem Aufruf „Hlangana Zulu!“ („Kommt zusammen, Zulu!“) mobil macht. Wie nach der Verhaftung Jacob Zumas im Juli: Nur dass die Impi diesmal statt in die Townships in die Einkaufszentren loszogen. Warum die Zulu-Kämpfer für einen Politiker aufstehen, dessen Plünderung der Staatskasse Millionen Menschen noch tiefer in die Armut trieb? „Er ist ein Zulu“, antwortet Musa: „Dass er geklaut hat, spielt hier höchstens eine Nebenrolle.“

Längst findet sich der ehemalige Präsident wieder auf freiem Fuß. Doch angesichts der Zahl der ihm bevorstehenden Betrugsverfahren kann sich das Chaos vom Juli jederzeit wiederholen. Das Land der Zulu sei in so einem labilen Zustand wie schon lange nicht mehr, meint Mary de Haas: „Dermaßen von Politikern aufgestachelt wird das kriegerische Volk nie zur Ruhe kommen.“

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