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Wetterextreme, Überschwemmungen, Dürre: „Was Uganda durchmacht, ist kein Scherz“

Leah Namugerwa ist 14, als sie in den Nachrichten zum ersten Mal die Folgen des Klimawandels sieht – und beschließt, dagegen zu kämpfen. Seitdem pflanzt die Uganderin Bäume.

Von Imke Wrage

Manchmal muss man tief graben, um über sich hinauszuwachsen. So hat es Leah Namugerwa erlebt. Es ist ein sonniger, heißer Tag – ihr 15. Geburtstag – als Namugerwa auf einem Feld am Rande von Ugandas Hauptstadt Kampala kniet und beide Hände in die Erde steckt. Ihre Geburtstagsfeier hat sie abgesagt. Sie hat Wichtigeres zu tun.

Neben ihr steht eine Schüssel mit 200 Setzlingen. Die sollen hier künftig Wurzeln schlagen. Der Umbrella Baum, in Uganda als Musizi bekannt, ist eine heimische Art, die besonders schnell wächst. Bis zu drei Meter schafft sie im Jahr. Man könnte auch sagen: Sie ist der Ferrari unter den Bäumen. Also genau, was Namugerwa braucht. Die Aktivistin hat es eilig: Der Klimawandel wartet nicht.

Leah Namugerwa erzählt das am Telefon, zwischen damals und heute liegen über zwei Jahre. Seitdem hat sich ihr 2019 gegründetes Projekt „Birthday Trees“ in Uganda etabliert. 5000 Bäume hat Namugerwa schon gepflanzt – für Freunde, Verwandte, Bekannte. Mittlerweile auch für Fremde, die zu ihren Geburtstagen Spenden schicken. Doch das Ziel der Aktivistin ist größer, viel größer: Eine Million Setzlinge will sie in den kommenden zehn Jahren pflanzen, um das Klima in Uganda zu schützen.

Leah Namugerwa aus Uganda will in den nächsten zehn Jahren eine Millionen Setzlinge pflanzen, um den Klimawandel zu bekämpfen
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Namugerwa ist nicht die erste Aktivistin, die auf die Kraft des Aufforstens setzt, aber vielleicht die jüngste. In Afrika hat das Bäumepflanzen Tradition. Wälder sind die größten CO2-Speicher der Erde. Ein einzelner Baum absorbiert im Laufe seines Lebens eine Tonne Kohlenstoff. Studien belegen: Der Schutz und das Aufforsten der Wälder sind ein wirksames Mittel gegen den Klimawandel.

Weite Landstriche wurden gerodet

Der ist in Uganda deutlich spürbar: „Was meine Heimat gerade durchmacht, ist kein Scherz“, sagt die Aktivistin. Früher war Uganda als grünes, fruchtbares Land bekannt. Heute ist es Wetterextremen, Überschwemmungen und Dürreperioden schutzlos ausgeliefert. Hinzu kommt ein starkes Bevölkerungswachstum. Und damit verbundene Folgen. Zurzeit leben rund 45 Millionen Menschen in dem Land.

In den kommenden 50 Jahren könnte die Bevölkerung Schätzungen zufolge auf 150 Millionen anwachsen. Schon jetzt steigt der Bedarf an Flächen für Ackerbau und Viehhaltung sowie Bau- und Brennholz deutlich an. Weite Landstriche werden dafür gerodet, ganze Wälder abgeholzt.

„Die Politiker schauen zu – oder tragen selbst dazu bei“, sagt Namugerwa. „Erst kürzlich wurden Waldflächen von der Regierung an private Unternehmen verkauft. Die machen daraus Zuckerrohr-Plantagen und vernichten den Wald.“ Der Bugoma-Wald, Lebensraum bedrohter Schimpansen, ist schon jetzt fast ganz zerstört.

Eines der Hauptprobleme in Uganda: „Vom Klimawandel haben viele Menschen in Uganda noch nie etwas gehört“, sagt Namugerwa. „Entsprechend können sie das Wissen nicht in ihr Handeln einbeziehen. Sie machen weiter, wie bisher, weil sie nicht wissen, was das Abholzen für unser Klima bedeutet.“

Bei schweren Erdrutschen in der Region Bududa im Osten Ugandas im Oktober 2018 werden nicht nur Häuser zerstört, es sterben auch zahlreiche Menschen.
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Ihr selbst ging das so. Bis 2018 hatte sie noch nie etwas vom Klimawandel gehört. Dann schaute sie mit ihren Eltern Nachrichten. „Ich bekam die Bilder nicht mehr aus dem Kopf“, sagt Namugerwa. Ein Erdrutsch in der entwaldeten Region Bududa hatte ganze Dörfer verschüttet. Menschen verloren ihr Zuhause, ihre Ernte, ihr Einkommen. Manche ihr Leben. „Ich wollte wissen, wie so etwas passieren kann.“

Die damals 14-Jährige recherchierte, las alles, was sie im Internet finden konnte. Sie stieß auf Greta Thunberg. „Durch sie wurde mir klar, dass wir jetzt handeln müssen. Dass jede Stimme zählt. Sie hat mich inspiriert, mich selbst zu engagieren.“

Seitdem ist Namugerwa viel unterwegs – draußen, überall dort, wo sie Bäume pflanzen kann, wo die Zukunft wurzelt; aber auch auf der Straße. 2019 gründete sie Fridays for Future Uganda und schloss sich den weltweiten Freitagsstreiks an.

Nach dem Vorbild von Greta Thunberg: Seit mehr als 140 Wochen streikt die Schülerin Leah Namugerwa in Ugandas Hauptstadt Kampala fürs Klima.
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Anfangs ging sie allein, stand mit einem Schild mitten in ihrer Heimatstadt Kampala. „Ich glaube, das sah für viele komisch aus. Ein Mädchen mit Schild. Die Menschen hielten mich für verrückt.“ Mittlerweile streikt sie seit gut 140 Wochen – und ist in Uganda längst nicht mehr allein.

„Ich lasse mich nicht einschüchtern“

In einem Land, in dem Bildung besonders wichtig ist, gilt der Klimastreik als verpönt. Namugerwa kann das nicht mehr hören, sagt sie. „Mir kommt es sinnlos vor, freitags zur Schule zu gehen und für meine Zukunft zu lernen, wenn nicht klar ist, ob es diese Zukunft überhaupt gibt.“

Manche Eltern verbieten ihren Kindern, auf die Straße zu gehen – auch aus Angst vor Konsequenzen. Denn in Uganda ist das Streiken nicht ungefährlich. Proteste werden hier nicht gern gesehen. „Oft werden sie mit gewaltsamen Konflikten in Verbindung gebracht“, sagt Namugerwa. Sie hat das selbst erlebt. Mehrere Stunden hielt sie die Polizei beim weltweiten Klimastreik fest, nahm ihr die Schilder weg. Gegen Kaution kam sie frei.

Angst hat sie trotzdem nicht, sagt Namugerwa. „Ich lasse mich nicht einschüchtern.“ An den Wochenenden fährt sie durch Uganda, nach Masaka im Zentrum, von dort aus nach Mbale im Osten. Dort spricht dort vor Schulen und Gemeinden. „Der Klimawandel und seine Auswirkungen gehören auf den Lehrplan“, sagt sie.

Ihre Familie steht hinter ihr. Sogar mehr als das: Es war ihr Vater, der sie dazu ermutigte, zu streiken und immer mehr Bäume zu pflanzen. An manchen Freitagen ging ihre Mutter selbst mit auf die Straße.

Und auch ihr Onkel hält der Aktivistin den Rücken frei. Er ist Teil der Green Campaign Africa, einer Organisation, die Fridays for Future Uganda unterstützt. „Es ist ein großes Privileg, die Unterstützung meiner Familie zu haben“, sagt Namugerwa. Nach der Schule will die Aktivistin Jura mit Schwerpunkt auf Umweltrecht studieren. Bis dahin ist noch viel zu tun. Draußen auf dem Feld warten schon die nächsten Setzlinge.

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