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Wisst ihr noch ... Corona?: Fast vergessene Absurditäten einer Pandemie ohne Ende

Einst fingen wir an, Abstände in Babyelefanten zu bemessen, Klopapier zu horten, Pfleger zu beklatschen. Eine historische Betrachtung der sogenannten Gegenwart.

Ein Essay von Sidney Gennies

| Update:

Nichts endet an diesem Donnerstag. Die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ läuft aus, ja. Aber das ist nur eine weitere von unzähligen Absurditäten, die wir in dieser Pandemie gelernt haben zu rationalisieren. Die Coronakrise dauert an. Und wenn man den Wissenschaftlern glauben will („zur Abwechslung“, möchte man fast brüllen!) , ist die Lage so schlimm wie nie zuvor.

Vor allem aber tritt die Coronakrise auch gesellschaftlich in eine neue Phase ein. Vom bangen Fragen „Was wird?“ hin zum fast nostalgischen „Weißt du noch?“ Denn Pläne lassen sich verbindlich in diesen Zeiten ohnehin nicht schmieden und die sogenannte neue Normalität hat das Leben so oft und so umfassend verändert, dass es Zeit wird für eine historische Betrachtung.

Jens Spahn war gewissermaßen der Prophet der Apokalypse, als er schon zu Beginn der Pandemie, 2020 nach Christus, sagte: „Wir werden uns gegenseitig viel verzeihen müssen.“ Auch wenn er als Gesundheitsminister selbstverständlich nicht ganz unbeteiligt daran war, was nun alles zu verzeihen ist.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Fehler verzeihen. Auch die eigenen.
© Foto: dpa

Erinnert sich beispielsweise noch jemand daran, wie damals die Nachricht aufkam, es gebe da eine neue Lungenkrankheit in China? Kein Grund zur Sorge. Im wohlorganisierten Deutschland blickte man herab auf Asien mit seinen Wildtiermärkten. Sowas, ganz klar, ist ein Problem der anderen. Und selbst als in Italien schon die ersten Ausbrüche bekannt wurden, galt als sicher, das Virus werde schon irgendwie vor der deutschen Grenze halt machen. Vielleicht aus Ehrfurcht vor unserer staatlichen Ordnung? Auf nach Ischgl!

Und weiß noch jemand, wie wir später unsere Kinder beim Händewaschen lehrten, „Happy Birthday“ zu singen, und anfingen, den gesellschaftlichen Mindestabstand in Babyelefanten zu bemessen, wie in Österreich? Oder in Ponys, wie es die BVG in Berlin bis heute tut?

Händewaschen, Abstand halten. Alles wird gut. Das waren noch Zeiten!

Wie andere Generationen vom Krieg, erzählen wir einander vom ersten Lockdown. Es ist noch gar nicht so lange her. Es ist eine Ewigkeit: 22. März 2020. Die Politik schwört die Bevölkerung auf ein paar harte Wochen ein. Fast zwei Monate wurde das gesamte Leben heruntergefahren, Kontakte eingeschränkt. Nur die Supermärkte blieben offen. Ganz Deutschland kaufte Hefe und Nudeln, bis nichts mehr da war. Was für ein Gericht wollten wir uns daraus eigentlich kochen?

Und während sich zu Hause alle mit Unmengen Klopapier den Hintern abwischen, reißen sich draußen die Kassierinnen und Pflegekräfte selbigen auf, um das Land irgendwie am Laufen zu halten. Weiß noch jemand, wie es dann dafür zwar nicht dauerhaft mehr Gehalt gab, aber wir uns eines Abends auf den Balkon stellten und applaudierten? Etwas Deutscheres ist in der Geschichte der Bundesrepublik nicht passiert.

Die Coronakrise, hieß es damals, löse eine neue Welle der Solidarität aus. Mit den Systemrelevanten zuvorderst, die für alle etwas überraschend vorübergehend nicht die Banker waren. Mit den Nachbarn, für die man einkaufen ging. Mit den Alten, den sogenannten vulnerablen Gruppen. Das war ein schöner Traum.

Es kamen dann Wellen. Die zweite, die dritte, die vierte. Wie man eben zählt. Nur von der Solidarität ist nichts geblieben.

Dafür galt es, neue Vokabeln zu pauken: Ministerpräsidentenkonferenz, Hotspot, Mund-Nasen-Schutz, Inzidenz. Kennt noch jemand den R-Wert? Der war uns mal wichtig. Angela Merkel hatte den so schön erklärt.

Überhaupt: Was haben wir nicht alles gelernt in dieser Pandemie! Sauerteig ansetzen zum Beispiel. Und dass das Virus zwar in der Schule ansteckend ist, aber nicht am Arbeitsplatz. Dass man zwar in den Urlaub nach Mallorca fliegen, aber nicht mit dem Wohnwagen nach Mecklenburg-Vorpommern fahren darf, ohne von den Anwohnern angezeigt zu werden. Dass es generell auch mal ohne Urlaub geht und dass sich wirklich niemand jemals ernsthaft um die Kinder scherte. Aber das ahnte man ja vielleicht ohnehin.

In Wahrheit haben wir gar nichts gelernt. Maskenpflicht? Undenkbar! Wer soll das kontrollieren? So dachte man damals. Und überhaupt, wir hatten ja nichts. Haben uns unsere Masken selber genäht wie Höhlenmenschen. Und heute? Niemand hat die Absicht, eine Impfpflicht einzuführen. Oder doch?

Weiß noch jemand, wie es war, als wir keinen Impfstoff hatten? Dunkle Zeiten. Jetzt ist er da, aber Millionen von Menschen wollen ihn nicht. Da will der Deutsche nämlich ganz genau wissen, was drin ist, bevor er sein Aldi-Kotelett mit einer Cola Light runterspült. War eine wilde Zeit, als wir plötzlich 80 Millionen unfrisierte Virologen im Land hatten, weil sie als Bundestrainer zwecks verschobener EM gerade nicht gebraucht wurden.

Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie in der Charite - Universitätsmedizin Berlin wird mit Hass überzogen.
© picture alliance/dpa

Nur der eine Virologe, der wirklich alles vorhergesagt hat, dem haben wir kein Denkmal gebaut, sondern wir ließen zu, dass er mit Morddrohungen überzogen wird und auf Demonstrationen Plakate geschwungen werden, die ihn am Galgen zeigen. Wisst ihr das noch? Und dann haben die Corona-Leugner versucht, den Reichstag zu stürmen, und es fanden sich immer noch genug Leute, die sich nicht zu schade dafür waren, darauf hinzuweisen, man müsse die Ängste der Menschen ernstnehmen.

Und nach denen habt ihr dann eure Politik ausgerichtet?, werden nachfolgende Generationen vielleicht fragen. Was werden wir antworten?

Dass wir viel spazieren waren. Viel Netflix geschaut und uns über fähige und verfügbare Psychotherapeuten ausgetauscht haben. Dieses coole Workout für zu Hause auf Youtube entdeckt. Und diesen einen Hintergrund bei Zoom. Sauerteig könnte man auch mal wieder machen. Und ist eigentlich noch genug Klopapier im Haus?

An diesem Donnerstag endet also die epidemische Lage nationaler Tragweite. Nicht faktisch. Nur rechtlich. Wie Historiker auf diese Entscheidung dereinst zurückblicken, werden wir früh genug erleben. Aber nicht alle. In der Nacht zu Mittwoch überschritt die Zahl der Coronatoten in Deutschland 100.000.

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