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Willy und Anny Klare im Wohnzimmer, Zittau, 1952,  „Das Erbe“, Anne Schönharting, Hartmann Books, Okt. 2020
© Anne Schönharting/Hartmann Books

Kolonialismus daheim: So decken Urenkel die Verstrickungen ihrer Familien auf

Die Museen tun sich mit der Aufarbeitung des Kolonialismus schwer. Dafür begeben sich Privatleute immer öfter auf Spurensuche – und entdecken Erstaunliches.

Von Nicola Kuhn

Es soll der Sommer des Humboldt-Forums werden. Im Juli eröffnet nach etlichen Verzögerungen die größte Kulturinstitution des Bundes im Zentrum Berlins, den Start macht die Stiftung Stadtmuseum mit der Ausstellung „Berlin Global“.

Im September folgen dann das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst mit ihren Räumen in der West-Spange. Die Benin-Bronzen werden allerdings erst ein Jahr später zu sehen sein, wenn auch die Ost-Spange eröffnet wird.

Oder sollte man die Bronzen gar nicht erst zeigen, wie von der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zuletzt vorgeschlagen? Die Debatte um den richtigen Umgang mit Artefakten aus kolonialem Kontext im Museum geht in die nächste Runde.

Für die Benin-Bronzen sind substanzielle Rückgaben angekündigt, nicht nur zwei, drei symbolische Stücke, die 2022 nach Nigeria gehen sollen.

Raubkunst aus Afrika. Drei Benin-Bronzen im Museum für Kunst und Gewerbe, 2018.
Raubkunst aus Afrika. Drei Benin-Bronzen im Museum für Kunst und Gewerbe, 2018.
© Daniel Bockwoldt/dpa

Museumseröffnungen, die adäquate Präsentation, Restitutionen – das sind die ganz großen Schritte. Erstaunlich viele kleine werden gerade jenseits der Institutionen gemacht. Aktuell zeichnet sich ein Trend im Privaten ab: die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit aus persönlicher, familiärer Betroffenheit. Eine Reihe Publikationen sind auf den Markt gekommen, die den öffentlichen Akteuren Beine machen könnten.

Die Generation der Urenkel schaut sehr viel unerschrockener auf ein schwieriges Erbe als viele Museumskurator:innen. Ihnen fällt es häufig immer noch schwer, die Umstände anzuerkennen, unter denen die Artefakte aus deutschen Kolonien in ihre Sammlung gelangten – und womöglich loszulassen.

Götz Aly, dessen Urgroßonkel als Militärgeistlicher in Deutschguinea wirkte, hat mit seinem Buch „Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“ ein Pamphlet verfasst. Das Luf-Boot – neben den Benin-Bronzen prominentestes Exponat des Humboldt-Forums – kann fortan nicht mehr als strahlendes Exempel einer universalistischen Kulturgeschichte betrachtet werden. Zu viel Blut klebt daran.

Katharina Döbler verarbeitet mit dem Roman „Dein ist das Reich“ die bittere Geschichte ihrer Familie als Mitarbeiter der Neudettelsauer Mission, ebenfalls in der Südsee. Beide setzen neue Akzente in einer bislang vornehmlich um Afrika kreisenden Kolonialdebatte.

Die Fotografin Anne Schönharting hat wiederum ein Fotobuch gemacht zum „Afrikazimmer“, das sie mit ihrem Bruder nach dem Tod der Eltern in einer Doppelhaushälfte in Diera bei Meißen übernahm.

Die Fotografin Anne Schönharting
Die Fotografin Anne Schönharting
© Privat

Wie der Fotograf Andréas Lang, der auf den Spuren seines Urgroßvaters, eines Soldaten der kaiserlichen Schutztruppen, nach Kamerun reiste und seine Bilder vor fünf Jahren im Deutschen Historischen Museum zeigte, setzt sich auch Schönharting in ihrem Medium mit der familiären Vergangenheit auseinander.

Sie untersucht, welche Rolle ihr Urgroßvater als Kakaoplantagenverwalter im heutigen Äquatorialguinea spielte, wie seine Geschichte zu Hause nachwirkt. Eine fotografische Rekonstruktion des „Afrikazimmers“ war Anfang des Jahres innerhalb der Ostkreuz-Ausstellung in der Akademie der Künste zu sehen.

Schönharting arbeitet intuitiv

Für die Fotografin war die größte Anerkennung, auch Beruhigung, dass sich der nigerianische Fotokurator Azu Nwagbogu positiv über ihr Buch äußerte. Sie habe den richtigen Ton getroffen, lobte er.

Schönharting arbeitet intuitiv, kombiniert Fotografien, Briefe und Karten des Urgroßvaters mit Texten von Hans Paasche, der 1912 den Forschungsreisenden Lukanga Mukara erfand, um Sitten in Deutschland aus der Sicht eines Afrikaners zu beschreiben.

Der Perspektivwechsel wirkt erhellend. Hinzu kommen Fotos aus dem Elternhaus, ein ausgestopftes Reptil auf einem Autoheck, im Kornfeld aufgesteckte Speere. Schönharting nennt ihr Buch einen „Puzzlestein“, doch sei ihr immer bewusst gewesen, dass ihre Auseinandersetzung auch eine öffentliche Dimension besitze.

Als Leitstern diente der Fotografin der US-Schriftsteller James Baldwin. Nichtfesthalten, Nichtverteidigen, Zuhören, Klarsein, Beisichbleiben lautete ihr Mantra bei der Aufarbeitung.

Der Schriftsteller James Baldwin, 1972
Der Schriftsteller James Baldwin, 1972
© imago/Leemage

Alleingelassen habe sie sich manchmal gefühlt, sagt die Fotografin rückblickend. Aber vielleicht habe ihr gerade das geholfen, einen eigenen Weg zu finden.

Demgegenüber fordert Léontine Meijer-van Mensch – seit 2019 Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsens mit Dependancen in Dresden, Leipzig und Herrnhut – eine Öffnung der Museen für Menschen, die ihre Familiengeschichte erforschen wollen.

Wir hätten schon vor dreißig Jahren dort stehen können, wo wir heute sind.

Léontine Meijer-van Mensch

Die frühere Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin bringt als Niederländerin eine große Aufgeschlossenheit mit. „Hospitality“ nennt sie ihren Ansatz und hofft auf einen Paradigmenwechsel in den Museen. Die Institutionen müssten sich stärker fragen: Für wen bin ich da? Wer ist mein Zielpublikum?

In Holland gibt es längst den Beruf der Archivvermittler:in, die bei Recherchen hilft. „Biografien sind eine bereichernde Perspektive“, sagt Meijer-van Mensch. Das Spannungsverhältnis zwischen kollektivem und individuellem Erinnern wirke sich produktiv aus, ist sie überzeugt.

Willy Klare, der Urgroßvater von Anne Schönharting, in Übersee.
Willy Klare, der Urgroßvater von Anne Schönharting, in Übersee.
© Fernando Póo

Mehr als die wissenschaftliche Herangehensweise ermögliche das Empathische, Emotionale eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit. Die künstlerische, literarische, filmische Verarbeitung sei eine Brücke.

Den Beleg erbrachten die TV-Serie „Holocaust“ und der Kinofilm „Schindlers Liste“ bereits für die Shoah. Sie machten das heikle Thema „besprechbar“.

Götz Alys Buch begeistert sie. „Die Museen brauchen Literaten, um weiterzukommen“, weiß Meijer-van Mensch. Sich persönlich angegriffen zu fühlen, sei die falsche Reaktion.

Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Jounalist:innen – sie alle spielten eine Rolle in der Debatte, die einen lauter, die anderen leiser. Kurator:innen halten sich berufsbedingt eher zurück, andere Teilnehmer wie Bénédicte Savoy befeuern sie.

Andere Themen haben den Kolonialismus lange verdrängt

Nur dass die Debatte jetzt erst richtig in Gang gekommen ist, bedauert Meijer-van Mensch: „Wir hätten schon vor dreißig Jahren dort stehen können, wo wir heute sind.“ Das sieht auch Aly so. Nach '89 waren die Deutschen zunächst mit der Wiedervereinigung beschäftigt, dann mit der Aufarbeitung der NS-Raubkunst.

Erst seit einigen Jahren wächst ein öffentliches Bewusstsein auch für das koloniale Unrecht: „Wir hatten dringendere Themen, über die wir uns als Gesellschaft verständigen mussten“, so Aly.

Er plädiert dafür, sich nicht als „Überlegene der Geschichte“ zu fühlen, zu bedenken, wie in 100 Jahren über uns geurteilt werden könnte. Auch ein Felix von Luschan, dem für die Südsee zuständigen Kustos des Berliner Völkerkundemuseums, der das Luf-Boot in die Sammlung holte, müsse differenziert gesehen werden.

Rechts mit Tropenhelm: Willy Klare, vermutlich 1910
Rechts mit Tropenhelm: Willy Klare, vermutlich 1910
© Fernando Póo

Mit seinem Buch hat der ansonsten für seine NS-Forschungen bekannte Historiker und Journalist die Legende gründlich widerlegt, dass die Lufiten ihr Prachtboot freiwillig hergaben, weil sie wussten, dass sie aussterben würden.

Für Aly stellen die erst nach Verladung des größten Schaustücks ins Humboldt-Forum geschlossenen Mauern keinen Hinderungsgrund für eine Restitution dar.

Ihn ärgern zudem die Ungenauigkeiten in den Inventaren. So bleiben die brutalen „Strafexpeditionen“ unerwähnt, in deren Folge die Artefakte eingesammelt wurden, die von Kriegsschiffen häufig abtransportiert wurden. Aly ist nicht der Erste, der diese Versäumnisse anprangert.

Viel Hässliches kommt an die Oberfläche

Katharina Döbler schlägt in ihrem Buch einen anderen Ton an. Sie musste lange experimentieren, bis sie die richtige Form für ihre Familiengeschichte fand. Ob dokumentarisch, mit fiktionalisierten Einschüben oder komplett als Roman, war zunächst nicht klar.

Sie begleitet ihre beiden Großelternpaare über fünf Jahrzehnte vom Aufbruch gen Deutsch-Neuguinea bis zur Rückkehr nach Neuendettelsau in Bayern, dem Sitz des lutherischen Missionswerks.

Beim Roman ist es geblieben, um der historischen Wahrheit hinter den Familiennarrativen auf die Spur zu kommen, jedoch mit multipler Perspektive. Die Autorin verlässt immer wieder die Vergangenheit, das Leben auf der Plantage oder als Glaubensbringer, und schaltet sich als „Ich“ ein, um aus der Gegenwart die Haltung ihrer Figuren zu kommentieren.

Am Ende habe sie sich mit ihnen ausgesöhnt und verstanden, wie sie zu ihrer Haltung kamen, sagt Döbler. Dass bei ihren Recherchen viel Hässliches an die Oberfläche kam, auch Nazi-Überzeugungen, habe sie gründlich desillusioniert.

Äquatorialgunea aus der Serie „Das Erbe“ von Anne Schönharting, 2018
Äquatorialgunea aus der Serie „Das Erbe“ von Anne Schönharting, 2018
© Anne Schönharting

Bei einem TV-Dreh für die „Kulturzeit“ von 3sat stieß sie mit einem Kamerateam im Keller der Neudettelsauer Mission unter Spinnweben auf eine Trommel, zwei Geisterfiguren und ein mit Schnitzereien verziertes Beil, das ihr Großvater wohl zum Abschied geschenkt bekam. Doch wem gehören sie: den Verwandten, der Mission, den Papua?

Larissa Förster, Leiterin des 2019 eingerichteten Fachbereichs Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, ist Anlaufstelle für Recherchen, jedoch nur öffentlicher Museen. Gerade erst wurden 685.000 Euro für fünf Forschungsprojekte bewilligt.

Anders als bei der NS-Raubkunst kommt nicht infrage, dass Privatpersonen gefördert werden. Schließlich könnte es sich um Hehlerware handeln, meldeten sich mithin die Nachfahren der Täter. Etwas anderes wäre es, wenn eine chiefly family etwa aus Kamerun um Hilfe zum Beispiel bei der Suche nach Königsinsignien bittet.

Für Förster bedeutet das Buch von Götz Aly einen wichtigen Schub für die Forschung. Zusammen mit Katharina Döblers Roman hat es den Fokus radikal erweitert. „Wir müssen die koloniale Gewalt stärker ins Zentrum rücken“, fordert Förster. „Da gibt es Nachholbedarf.“

Bislang wurde der Kolonialismus in der Südsee nur aus wissenschaftlichem Interesse und ökonomisch begründet gesehen. Das Wüten der Militärs blieb unterbelichtet, auch wenn australische Historiker schon lange auf die verheerenden Folgen hingewiesen hatten, die Verschleppungen und aus Europa eingeführten Krankheiten. Ozeanien blieb hinter Afrika zurück.

Das soll sich ändern. Gerade werden zwei Dossiers mit einem Überblick sämtlicher Strafexpeditionen im pazifischen Raum sowie auf dem afrikanischen Kontinent zusammengestellt. „Wir hoffen, dass sich die Museen bei ihren Provenienzrecherchen dann darauf stützen“, so Förster.

Auch manch privater Forscher wird dann womöglich neue Erkenntnisse gewinnen über die einstige Mission des Urgroßvaters im Süden und was es mit seinen exotischen Mitbringseln auf sich hat, die noch heute manches deutsche Wohnzimmer schmücken.

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