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 Der Klimawandel bedroht alle natürlichen Lebensgrundlagen - in Afrika erst recht.
© Illustration: Martha von Maydell/mvmpapercuts.com

Perspektiven in der Krise : „Sie sagen Entwicklung, aber es ist Neokolonialismus“

Die Aktivistin Ina-Maria Shikongo aus Namibia setzt auf eine neue Beziehung zum Globalen Norden. Und sieht die Klimabewegung als Chance. Teil 3 der Befragungsreihe „Was ist Hoffnung für Sie?“

Von Ina-Maria Shikongo

Was bedeutet Hoffnung für mich?

Hoffnung bedeutet für mich Gerechtigkeit für die historischen Gräueltaten, die unserem Volk angetan wurden – Gräueltaten, die noch immer fortwirken. Gerechtigkeit entsteht, wenn es Rechenschaft gibt.

Mehr als 500 Jahre lang wurde unser Kontinent geplündert, sind unsere Menschen als Sklaven benutzt worden. Wir haben den Wohlstand des Globalen Nordens erbaut. Und heute betrachtet man uns, als wären wir bloß Affen.

Der Globale Norden muss die Gräuel anerkennen, die unserem Volk angetan wurden, etwa den deutschen Genozid an den Herero. Sie müssen anerkennen, dass ihre Konzerne immer noch mit dieser Mentalität arbeiten.

Für mich ist Hoffnung damit verbunden, an die Wurzeln der Probleme des Kapitalismus zu kommen. Das schließt die Erzählung mit ein, Menschen aus Afrika oder indigene Menschen wären weniger wert als andere.

Ich selbst wurde als Aktivistin geboren, in einem Flüchtlingslager in Angola. Zu der Zeit herrschte die Apartheid in Namibia, und meine Eltern gingen nach Angola ins Exil. Von dort aus begann die Rebellion gegen das südafrikanische Apartheid-Regime in Namibia.

Mein Vater war Geheimdienstchef der SWAPO, der South West African People’s Organisation, also der Unabhängigkeitsbewegung. Er war General. Als er starb, war ich zwei Jahre alt. Das war 1981. Er war im südlichen Angola, er fuhr über eine Landmine. Das ist die offizielle Version.

War es ein Attentat?

Ich weiß es nicht. Aber zu der Zeit starben viele Generäle bei Autounfällen.

Liegt in seinem Tod auch so etwas wie Hoffnung? Das gibt mir keine Hoffnung. Es macht mich nur noch wütender, weil ich sehe, dass er umsonst gestorben ist. Er starb, damit andere sich bereichern konnten.

Dürreopfer. Toter Elefant im Okavango-Becken.
Dürreopfer. Toter Elefant im Okavango-Becken.
© Foto: Reuters

Was mir Hoffnung geben würde, wäre, wenn die führenden Politiker weltweit sagen würden: Okay, es ist an der Zeit, dass wir aufhören, diese Länder auszubeuten. Es ist an der Zeit, dass wir indigenen Menschen die Bühne geben, die sie verdienen. Denn wir sind nicht nur Affen, die im Busch leben.

Wir sind Menschen, die eine Verbindung zur Natur haben. Was mir Hoffnung macht, ist die Klimabewegung, deren Teil ich bin, denn wir versuchen, wirklich Dinge zu verändern. Wir machen Druck auf die Regierungen in unserem Land und anderswo.

Wie ist Aktivismus mit Ihrer Geschichte verknüpft?

Ich wuchs in Angola in Flüchtlingslagern auf und brach 1985 nach Ostdeutschland auf. Wir waren eine ganze Gruppe von Kindern, viele hatten ihre Eltern verloren. Man wusste nicht, was man mit den Jüngsten tun sollten. Also schickte man sie fort.

Schon in den Lagern wurden wir ausgebildet, wurde uns gesagt: Nieder mit dem Kapitalismus, nieder mit Botha, nieder mit der Apartheid. Das hat mich geprägt. Mir wurde von klein auf beigebracht, dass man für sich selbst kämpfen muss. Man muss für sein Volk kämpfen. Heute bin ich Teil von Fridays for Future Windhoek.

Wir sind ungefähr zehn Freiwillige. Alle studieren, ich bin die einzige Mama. Wir beschäftigen uns mit den Kids. Es liegt Hoffnung darin, anderen Leuten beizubringen, wie man eigenständig wird. Es liegt Hoffnung in der Möglichkeit, anders zu denken, sich anders zu verhalten oder die Zukunft anders zu formen. Wir brauchen Klimagerechtigkeit.

Was ist die Realität des Klimawandels in Namibia?

Man sieht es an den Buschfeuern, den dauernden Dürren, den Niederschlägen, die sich verändert haben. Normalerweise hätten wir eine kurze Regenzeit im Oktober. Im November und Dezember fängt dann der Regen an.

Aber jetzt kommt der Regen im Januar. Das betrifft unsere Lebensmittelsicherheit. Die Wüsten breiten sich aus. Wir haben Klimageflüchtete, die vor den Dürren fliehen, auch aus Angola. Die Klimakrise ist bereits hier.

Welche Kräfte treiben in Namibia den Klimawandel voran?

Das sind eher die globalen Effekte. Im Land selbst ist es die ewige Ausbeutung von Regionen wie dem Okavango-Becken, wo die Kanadier angefangen haben, in einem ökologisch sehr sensiblen Gebiet nach Öl zu bohren.

Unser Land wird von denselben Regeln beherrscht, die während der Apartheid benutzt wurden. Namibia besitzt zehn Prozent der Aktien und die Kanadier haben 90. Das ist Neokolonialismus. Wir sind noch immer nicht frei. Wir hatten noch nie so viel Armut im Land, wie wir heute haben. An jedem einzelnen Tag verschwindet Geld.

Diese Strukturen reproduzieren koloniale Strukturen der Ausbeutung. Der Globale Norden muss anerkennen, dass in der Vergangenheit viel falsch gelaufen ist und dass sich etwas ändern muss. Auch wir verdienen eine Zukunft. Jetzt nehmen sie uns alles, durch ihre Öl- und Gasprojekte. Nicht nur in Namibia, in Tansania ist es genauso.

Familien werden vertrieben wegen der East African Crude Oil Pipeline, wieder mit Unterstützung der Regierung. Sie nennen es Entwicklung. Aber es ist Neokolonialismus. Sie verursachen einen Ökozid und einen weiteren möglichen Genozid.

Wie lässt sich das ändern?

Dekolonisierung ist wichtig, weil wir nicht leben wollen wie die Menschen im Globalen Norden. Sicher, ich liebe es, ab und zu dort zu sein, es ist sehr bereichernd, wenn es um Kultur geht oder neue Entdeckungen.

Alles ist vom Kapitalismus getrieben. Die Menschen sind so individualistisch geworden. 

Ina-Maria Shikongo

Aber das bedeutet nicht, dass wir alle in einem Backsteinhaus leben wollen. Das bedeutet nicht, dass wir alle gestresst sein wollen, dass wir um fünf Uhr morgens aufstehen, um die Kinder zur Schule zu bringen. Dieser Lebenswandel wurde unserem Volk von Kolonialherren aufgedrückt und ist systemisch geworden.

Wie sehen Sie das Leben im Globalen Norden?

Alles ist vom Kapitalismus getrieben. Die Menschen sind so individualistisch geworden. Man muss immer alles kaufen. Hier kann ich wenigstens einen Samen in die Erde pflanzen und mein Essen wird wachsen. Ich kann meine Bäume wachsen sehen. Hier haben wir Platz.

Wenn Sie Namibia auf der Karte ansehen, sehen Sie, dass es weitläufig ist. Unsere Vorgärten sind weitläufig. Wir haben unsere eigenen Wege, wir haben unsere eigenen Traditionen, die ausgerottet wurden, dank dem Kolonialismus. Der ist verkleidet als Religion und Entwicklung, basierend auf den Erzählungen des Hasses gegen unser Volk.

Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen Entwicklung und dem Nazismus: „Lass uns die indigenen Menschen loswerden, wir brauchen diese Affen nicht, lass uns den Amazonas niederbrennen.“

Sie waren im November 2021 in Glasgow bei der UN-Klimakonferenz COP26 – was waren Ihre Erwartungen an dieses Treffen?

Für mich geht es nicht nur darum, den Kohlendioxidausstoß zu verringern. Meine Hoffnung ist, dass die führenden Politiker des Globalen Nordens erkennen, dass das, was sie in unserem Land tun, noch immer Kolonialismus ist und dass sich das ändern muss. Ich hoffe, dass endlich einmal Leben vor Profit kommt.

Ich will auch, dass der Globale Norden erkennt, dass er durch seine Untätigkeit für den Tod von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt verantwortlich ist, besonders von denjenigen, die im Globalen Süden leben. Wenn wir vom Klimaschutz reden, dann müssen wir auch von Rechenschaft sprechen. Lass uns zusammenkommen und sagen: Okay, das habt ihr getan – und wie werdet ihr es wieder gut machen?

The New Institute versammelt Fellows aus Wissenschaft, Medien und Kunst auf der Suche nach Konzepten für die ökologischen, ökonomischen und demokratischen Fragen der Zukunft.

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