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Isolierung kann sich negativ auf die Psyche von Kindern auswirken.
© imago images/U. J. Alexander

Ungeimpft und schulpflichtig: Schulschließungen gefährden psychische Gesundheit von Kindern

Dem Covid-19-Infektionsrisiko in der Schule stehen Gefährdungen durch Schulschließungen gegenüber. Kindermediziner treffen eine eindeutige Abwägung.

Über die zwei Ziele herrscht weitgehend Einigkeit: die vierte Welle von Covid-19-Infektionen in Deutschland einzudämmen und die Schulen dabei offen zu halten. Doch schon bei der Isolierung Erkrankter als grundlegender Maßnahme gegen die Verbreitung eröffnet sich der Zielkonflikt: Kontaktbeschränkungen verringern das Übertragungsrisiko, Unterricht für alle lässt sich dann aber nicht mehr machen.

„Wir Erwachsenen sind diejenigen, die die Kinder schützen müssen und nicht umgekehrt“, sagte Jörg Dötsch in einer Pressekonferenz des Science Media Centers Deutschland am Montag. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln verweist auf vergangene Schulschließungen in Deutschland, die dazu beigetragen haben, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen. Jetzt sei die Situation eine andere: „Es kann nicht sein, dass wir Erwachsenen alle Freiheiten für uns beanspruchen und daran denken, die Schulen wieder zu schließen.“

Wenn man das einzelne Kind betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit relativ gering, dass die Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt.

Berit Lange, Epidemiologin, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Der Diskussion um Schutzmaßnahmen in den Schulen greift der Kinderarzt damit voraus. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) steigt die Inzidenz in den jüngeren Altersgruppen und auch wieder zunehmend bei Älteren. Bislang ging es in der Diskussion um Schulen aber vor allem um Quarantäneregeln, nicht die Aussetzung des Präsenzunterrichts.

Doch Schulen sind Orte, an denen mehrheitlich Ungeimpfte zusammentreffen und Zeit in geschlossenen, nicht immer gut belüfteten Räumen verbringen. Gelingt es nicht den Anstieg der Inzidenzen in Deutschland zu bremsen, könnte die Maßnahme „Schulschließung“ wieder erwogen werden. Dadurch würden Kinder nicht nur in ihrer Befindlichkeit gestört, sagt Dötsch. Kinder- und jugendpsychiatrische und psychosomatische Diagnosen hätten sich im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie verdoppelt und belasteten das Gesundheitssystem ebenfalls.

Ein kanadisches Forschungsteam hat 29 Studien mit insgesamt über 80.000 Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Ländern zum Auftreten von Angst- und Depressionssymptomen ausgewertet. Wie die Wissenschaftler:innen im Fachmagazin „Jama“ berichteten, war global jedes vierte bis fünfte Kind betroffen. Das Auftreten nahm im Untersuchungszeitraum zu und tendenziell waren ältere Jugendliche und Mädchen häufiger betroffen. „Bevor noch einmal eine Schule geschlossen wird müssen alle anderen Bereiche des öffentlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens geschlossen werden“, fordert Dötsch.

Nach Angaben des RKI sind bislang 21 Prozent der 12- bis 17-Jahrigen vollständig geimpft. Dagegen sind 68 Prozent bislang ungeimpft und bis auf Ausnahmen alle unter 12-Jährigen. Ob die Ständige Impfkommission für sie eine Impfung empfehlen wird, ist offen. Sicher auszugehen ist davon, dass die Entscheidung noch Wochen oder Monate ausstehen wird. Aufgrund der höheren Übertragbarkeit der mittlerweile vorherrschenden Deltavariante des Coronavirus muss daher davon ausgegangen werden, dass sich viele ungeimpfte Kinder anstecken.

Fittere Schleimhäute und Blutgefäße schützen Kinder

Die Erkrankung verläuft bei Kindern meist mild. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass ihre Schleimhäute Viren wirkungsvoller abfangen als die von Erwachsenen. Schwere Verläufe bei Erwachsenen ergeben sich zudem häufig aus Vorerkrankungen, die das Gefäßsystem betreffen. „Das Gefäßsystem von Kindern weist aber meist noch keine Schäden auf“, sagt Dötsch. Der Infektionsschutz durch ihre Schleimhäute und der gute Zustand ihrer Blutgefäße könnten dazu beitragen, dass Kinder die Erkrankung besser überstehen, sagt der Arzt.

„Wenn man das einzelne Kind betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit relativ gering, dass die Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt“, bestätigt Berit Lange, Epidemiologin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Zwischen zwei und vier Prozent der Null- bis Vierjährigen Erkrankten müssten im Krankenhaus behandelt werden. „Das hat sich auch mit der Deltavariante nicht geändert“, sagte Lange. Unter 5- bis 15-Jahrigen liege das Risiko niedriger, bei etwa 0,5 Prozent, und bei Älteren nur geringfügig höher. Doch auch unter ihnen gibt es schwere Fälle und Kinder sterben, etwa ein bis drei Kinder pro 100.000 Erkrankte.

Langzeitfolgen für Kinder sind noch schwer einzuschätzen

„Die Deltavariante verbreitet sich schneller und wird im Herbst mehr Kinder betreffen“, sagt Lange. Ob deswegen auch mehr Kinder im Krankenhaus behandelt werden müssen, sei aber noch schwer zu beurteilen, da die verfügbaren Daten meist von Erwachsenen stammen und nicht einfach übertragen werden können.

Beim Risiko von „Long Covid“ als lange fortbestehende Symptomatik der Erkrankung verhält es sich ähnlich. Nach einer im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichten Studie wiesen unter 300 Erkrankten in der norwegischen Stadt Bergen 52 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 30 Jahren nach sechs Monaten noch Symptome wie Geschmacks- oder Geruchsverlust, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen auf. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Infektion mit Sars-Cov-2 selbst bei milderen Verläufen häufig zu langanhaltenden Einschränkungen führt.

In einer Befragung der britischen Gesundheitsbehörde Public Health London gaben deutlich mehr 11- bis 17-Jährige an, drei Monate nach ihrem positiven Coronatest an gesundheitlichen Beschwerden wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Kopfschmerzen zu leiden, als Gleichaltrige, bei denen der Test negativ ausgefallen war. Demnach erkrankten 14 Prozent der Teenager nach der Sars-Cov-2-Infektion an Long Covid.

Routine verstärkt Schutzmaßnahmen, schon bei den regelmäßigen Schnelltests.
Routine verstärkt Schutzmaßnahmen, schon bei den regelmäßigen Schnelltests.
© Sebastian Gollnow/dpa

Berit Lange erwartet, dass sich die Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren und auch das Vorhandensein von an den Schulen etablierten Test- und Hygienekonzepten positiv auf die Infektionsrate unter Kindern auswirken werden. Beides war im vergangenen Herbst nicht gegeben. „Dagegen steht aber, dass wir im Vergleich zum letzten Jahr deutlich erhöhte Kontakte unter Erwachsenen haben“, sagt die Epidemiologin. Dies würde sich in den ansteigenden Fallzahlen niederschlagen.

„Bislang sind es aber nicht mehr Kinder, die schwer an Covid-19 erkranken“, sagt Dötsch. Kinder mit Multisystemerkrankungen, die mehrere Bereiche und Funktionen des Körpers betreffen, wie etwa das Down-Syndrom, und sehr stark übergewichtige Kinder seien häufiger schwer betroffen. Andere Vorerkrankungen wie Krebs und Diabetes hätten dagegen nicht das gleiche Gefährdungspotenzial wie im Erwachsenenalter. „Das hängt vielleicht damit zusammen, dass diese Kinder und ihre Familien darauf eingestellt sind sich zu schützen“, sagt Dötsch. Routine sei dabei „unglaublich wichtig“.

Impfungen für unter Zwölfjährige empfiehlt der Kinderarzt nicht. Seiner Ansicht nach sei die Krankheitsschwere in dieser Altersgruppe normalerweise zu gering, um das – wenn auch nur geringe – Risiko der Impfung zu rechtfertigen. „Wir haben im Moment noch über 15 Millionen nicht erstgeimpfte Erwachsene“, sagt der Kinderarzt. „Da liegt das Problem.“

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