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© Nassim Rad / Tagesspiegel

Pfleger Ricardo Lange zur Corona-Lage: „Mit Bockigkeit kommen wir da nicht raus“

Deutschlands bekanntester Intensivpfleger über die Corona-Lage in Berlins Kliniken, Pandemieleugner auf der Station, zerbrochene Freundschaften und Gewissensbisse.

Von Robert Ide

Herr Lange, Sie kommen gerade von der Schicht. Alles gut?
Naja, geht. Ich hatte wieder Dienst auf einer Covid-Station, aber zum Glück hatte ich heute nur zwei Patienten zu betreuen. Sonst sind es schon mal drei oder vier. Covid nervt.

Stimmt es wirklich, dass auf den Intensivstationen vor allem Ungeimpfte liegen?
Ich versuche, nicht darauf zu achten, aber man kriegt es oft bei der Dienstübergabe mit. Auf unserer Station sind von zehn Patienten gerade neun ungeimpft. Aber ich urteile nicht. Für mich hat der Mensch Covid und braucht meine Hilfe.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihr schönstes Gefühl als Pfleger: nach der Schicht durchatmen. Wenn das Schönste am Beruf ist, dass er vorbei ist – ist es dann der richtige Beruf?
Der richtige Beruf zu den falschen Bedingungen. Wir fahren ständig unterbesetzt auf Höchstlast. Wenn ich ein Medikament aufziehe und gleichzeitig andere Sachen absprechen muss, stocke ich manchmal: War das jetzt die richtige Mischung? Zur Sicherheit ziehe ich dann das Medikament neu auf. Man kann nicht ohne Pause acht Stunden lang zu 150 Prozent konzentriert sein. Erst am Ende fällt die Belastung ab. Ich atme die Luft ein: erst mal 24 Stunden frei.

Auch frei im Kopf?
Nee. Der Kopf rattert den ganzen Tag. Oft hab ich vier Patienten, muss alle Behandlungen abarbeiten, mir alles merken, Prioritäten festlegen. Welcher Patient braucht meine Hilfe sofort, welches Medikament muss ich zuerst wechseln? Dann kommt ein Notfall dazwischen, wir müssen ins CT – alle Gerätschaften müssen mit, alle Medikamente. Dann fahre ich mit dem Transport los. Meine anderen drei Patienten muss derweil ein anderer Pfleger betreuen. Plus seine drei.

Die Politik begründet alle Corona-Maßnahmen damit, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll. Aber das Gesundheitssystem war schon vor Corona überlastet.

Ricardo Lange zur Corona-Politik

Wie fertig macht Überlastung?
Das Schlimmste ist: Es ändert sich nichts. Die Politik begründet alle Corona-Maßnahmen damit, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll. Aber das Gesundheitssystem war schon vor Corona überlastet, die Pandemie kommt obendrauf. Man macht viele Lockdowns, berufliche Einschränkungen, Kontaktsperren – alles schön und gut. Aber am Grundproblem in den Krankenhäusern ändert man nichts. Das frustriert mich.

Es gibt viele Pflegerinnen und Pfleger, die abgewandert sind.
Die sind jetzt Lehrer oder Ausbilder für Pflegekräfte, gehen in die Medizintechnik oder ergattern Bürojobs. Andere wechseln in kleinere Krankenhäuser ohne Corona-Stationen oder in Abteilungen, auf denen nur Magen-Darm-Spiegelungen gemacht werden. Es gibt Tage, da male ich mir meinen Exit aus. Es beruhigt mich innerlich, wenn ich denke: Lange geht das nicht mehr so.

Ricardo Lange ist Pflegekraft mit Leib und Seele. Doch die Pandemie hat auch bei ihm Spuren hinterlassen.
© Nassim Rad / Tagesspiegel

Sie arbeiten selbst in einer Leasingfirma für Pflegekräfte. Manche Festangestellten kritisieren, dass Sie mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommen und sich die besten Schichten rauspicken.
Ich werde nur dort eingesetzt, wo Personalmangel ist. Kliniken fragen Dienste an, die sie selbst nicht besetzen können. Ich bekomme nicht mehr Geld für die gleiche Arbeit, sondern für meine Flexibilität. Ich muss in jeder Klinik in Berlin arbeiten, ich muss mich mit allen Krankheitsbildern auskennen, ich muss die verschiedensten medizinischen Geräte bedienen können. Und ich erfahre oft erst am Abend, ob ich morgen früh einen Frühdienst habe.

Die Pandemie macht alle müde. Wie erleben Sie das?
Ich gehe viel spazieren oder treibe Sport. Im Lockdown hat mir dieser Ausgleich gefehlt, dann blieben die Akkus leer, ich war permanent kaputt. Ein Dienst heißt: Acht Stunden mit Maske und Schutzanzug. Man ist vollgeschwitzt, das Atmen fällt schwerer.

Unsere Gesichtsvisiere haben wir aus Büromaterialen zusammengebastelt – mit Gummibändern aus dem Baumarkt.

Ricardo Lange über die erste Welle der Pandemie

Im Buch erzählen Sie, dass Sie sich Ihr Schutzmaterial zunächst selbst zusammenbasteln mussten.
Zu Beginn der Pandemie gab es zu wenige Masken. Da haben wir unsere benutzten Masken in Tonnen geschmissen – mit Speichel, Resten von Makeup. Die lagerten feucht vor sich hin, später wurden sie sterilisiert. Aber dafür sind diese Masken nicht ausgelegt; gesund finde ich das nicht. Unsere Gesichtsvisiere haben wir aus Büromaterialen zusammengebastelt – mit Gummibändern aus dem Baumarkt.

Ist das nicht der Moment, in dem man denkt: Macht Euren Kram alleine!
Klar. Aber dann applaudierten Leute für die Pflege. Ich war naiv und dachte: Okay, jetzt haben sie es verstanden, jetzt ändert sich was. Aber nix passierte. Es ist eine schleichende Enttäuschung. Zuletzt gab es die Aussage, alle Pflegekräfte sollen einen weiteren Corona-Bonus bekommen – ich habe nicht mal den ersten gesehen. Jetzt sagt Gesundheitsminister Karl Lauterbach: Das gilt nur für bestimmte Pflegekräfte. Es geht schon wieder los: Erst wird was versprochen, dann nicht gehalten.

Im Talk gewandt. Mit Schülerin Carla Siepmann, Tagesspiegel-Autor Robert Ide, SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey, sowie Busfahrerin Susanne Schmidt (von links) diskutierte Ricardo Lange über die Corona-Lage in Berlin.
© Sven Darmer

Sie haben selbst viele Politikerinnen und Politiker kennengelernt – in den Tagesspiegel-Wahlkampftalks oder in eigenen Interviews etwa mit Olaf Scholz. Glauben Sie ihnen?
Es gibt Politiker, die wollen durch Gespräche mit dem Volk Sympathiepunkte sammeln. Aber es gibt auch welche, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie es ehrlich meinen; die heute noch nachfragen, wie es mir geht. Nehmen wir dagegen Olaf Scholz: Er hatte mir in unserem Gespräch versprochen, dass er sich für eine Bürgerversicherung einsetzt. In den Koalitionsverhandlungen ist das als erstes gekippt worden. Dabei wäre das mal was gegen die Ungleichbehandlung. Wenn Du privat krankenversichert bist, kriegst Du besseres Essen im Krankenhaus, viel Obst, mal ein Steak. Wenn Du gesetzlich versichert bist, wird dir nach deiner Krebsbehandlung dieses Krankenhausessen vorgesetzt: altes Brot, dünne Suppe. Dabei hast du nach der Chemo sowieso wenig Appetit, musst aber was essen. Wie willst du da gesund werden? Im Krankenhaus sollte jeder Mensch gleich behandelt werden.

Wird das wirklich jemals so sein?
Geld wird immer eine größere Lobby haben als Menschlichkeit. Unser Gesundheitssystem ist auf Geld aufgebaut. Deshalb ändert sich nichts, es ist politisch nicht gewollt. Die Überlastung wird hingenommen. Am Messegelände wurde eine Corona-Klinik gebaut. Da lag nie jemand drin. Beatmungsgeräte und Betten haben wir also genug. Aber die verstauben, weil einfach kein Personal da ist.

Kann die Pflege wieder besser werden?
Der schnellste Weg ist: Leute wieder in den Beruf zurückholen. Durch eine abgesenkte Wochenarbeitszeit. Einen früheren Renteneintritt. Polizisten und Feuerwehrleute werden verbeamtet, manche Soldaten gehen mit 55 in Pension. Aber Leute, die Alte und Kranke pflegen, sollen am besten bis 70 schuften. Der Schichtdienst frisst Zeit, man muss viel Schlaf nachholen. Der Pflege fehlt einfach ein Benefit.

Was ist das eigentlich für ein Gefühl, das Leben anderer Menschen in der Hand zu haben?
Ein Stresspunkt. Wenn ich als Automechaniker einen Fehler mache, geht ein Motor kaputt. Den kann man reparieren. Aber wenn ein Mensch tot ist, ist er tot. Und man geht mit dem Gewissen nach Hause: Ich habe womöglich einen Menschen gefährdet. Eigentlich liegt das an der Personallage - aber am Ende habe ich trotzdem die Verantwortung.

Wie gehen Sie damit um?
Damit kann man nicht umgehen. Deshalb verlassen ja viele den Beruf. Manche gehen schon in der Einarbeitungszeit wieder. Eigentlich hat man dafür mindestens acht Wochen. Aber wegen Personalmangels wird schon nach fünf Wochen gesagt: Heute musst Du Deine ersten Patienten alleine machen. Wenn junge Leute dann mit Angst nach Hause fahren und keine Freizeit mehr haben – wer macht sowas noch freiwillig?

Corona begünstigt die Triage, weil es mehr Patienten gibt.

Ricardo Lange über die aktuelle Lage in Berlins Kliniken

Es gab in Berlin einen langen Krankenhausstreik. Hat der was gebracht?
Der Pflegestreik wurde 100 Tage vorher angekündigt – die Frist wurde bis zum letzten Tag ausgereizt. Alles in der Pflege wird ausgereizt, bis man ein Problem hat. Das hat man jetzt.

Die letzte Lösung heißt Triage.
Triage ist gang und gäbe. Das geht ja schon in der Rettungsstelle los: Wenn Menschen mit einem Mückenstich dahin kommen oder mit chronischen Rückenschmerzen, wird der frisch eingetroffene Herzinfarkt eher behandelt. Schon jetzt müssen Patienten, bei denen das vertretbar ist, auf Intensivstationen Platz machen, obwohl sie eigentlich da noch liegen müssten. Corona begünstigt die Triage, weil es mehr Patienten gibt.

Merken Sie schon Auswirkungen der ansteckenderen Omikron-Virusvariante?
In der Intensivstation, in der ich heute gearbeitet habe, waren alle Betten voll. Auch auf der Überwachungsstation war kein Bett mehr frei. Noch einen Covid-Patienten hätten wir nicht mehr aufnehmen können.

Gibt es Debatten unter Pflegekräften über die eigene Impfung? Es gab ja auch Todesfälle in Altenheimen, bei denen wohl ungeimpfte Pflegekräfte der Auslöser der Infektionen waren.
Eine Kollegin von mir ist an Covid gestorben, sie war wohl ungeimpft. Ich bin geimpft und hoffe, dass mir nichts Schlimmes passiert. Aber natürlich will ich auch sicher sein, dass die Impfung wirkt. Fast alle in der Pflege, die ich kenne, sind inzwischen geimpft. Eine Impfpflicht für unsere Berufsgruppe bringt also nicht allzu viel. Leider war die Kommunikation bisher schlecht. Erst hat Jens Spahn die Impfpflicht ausgeschlossen, jetzt soll sie eingeführt werden, aber vielleicht auch erst später.

Vielleicht hat auch die Politik manches in der Pandemie nicht überblicken können.
Aber dann sollen sie genau das sagen: Wir wissen es noch nicht. Und nicht: Das wird es auf keinen Fall geben. Oder sie halten mal den Mund halten. Man kann doch offen sagen: Wir wussten es nicht besser, die Wirkung der Impfung haben wir uns anders vorgestellt. Ich vertraue eher einer Politik, wenn sie mal einen Fehler eingesteht.

Wir hatten mal Coronaleugner, die wollten zu ihrem verstorbenen Angehörigen, hatten aber keine Masken auf. Eine Kollegin hat sie auf die Maskenpflicht hingewiesen, da haben sie gerufen: Sie unemphatische Dreckschlampe!

Ricardo Lange über Auseinandersetzungen auf den Stationen

Können Sie erzählen, wie ungeimpfte Patienten auf den Stationen mit ihrer Erkrankung umgehen?
Es gibt Menschen, die genesen und bereuen es, sich nicht geimpft zu haben. Für andere bleibt es eine Grippe. Und es gibt Menschen, die auf unseren Stationen sterben – dann kommen Angehörige und wollen Beweise dafür, dass es Corona überhaupt gibt. Wir haben Debatten an Eingangstüren, weil Besucher keine Masken aufsetzen wollen. Manchmal müssen wir mit der Polizei drohen. Wir hatten auch mal Coronaleugner, die sich reingeschlichen haben, als jemand zur Tür rausging. Die wollten zu ihrem verstorbenen Angehörigen, hatten aber keine Masken auf. Eine Kollegin hat sie auf die Maskenpflicht hingewiesen, da haben sie gerufen: Sie unemphatische Dreckschlampe! Das sind aber zum Glück Ausnahmen.

Sie selbst bekommen auch Hassnachrichten, oder?
Ich versuche sachlich, respektvoll und nett zu bleiben. Wenn jemand Gewalt androht, weise ich ihn darauf hin, dass er eine Straftat ankündigt.

Was macht das mit einem persönlich?
Ich bin erschrocken, wie naiv ich war. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen so böse sein können. Ich hatte mal in meiner Tagesspiegel-Kolumne erzählt, dass es mir am schwersten fällt, Verstorbene in Säcke zu verpacken. Daraufhin habe ich eine Nachricht bekommen, dass ich den falschen Beruf hätte – wie ein Müllmann, der den Müll nicht in Säcke packen könne. Was also denkt dieser Mensch? Er denkt, wir entsorgen Abfall. Manchen fehlt die Menschlichkeit.

Wie erleben Sie diese Debatten in Ihrem Umfeld?
Es ist krass. Seit Beginn der Pandemie bin ich manchmal echt einsam. Freundschaften sind kaputt gegangen. Leute, mit denen ich mich jahrelang verstanden habe, beschimpfen mich als systemtreu. Selbst eine Cousine hat mich angerufen und gesagt: Sag mal, Ricardo, jetzt mal ehrlich – was ist wirklich auf den Intensivstationen los? Ihr erzählt doch alle nicht die Wahrheit.

Ist die Wahrheit für viele einfach zu komplex?
Ich kann verstehen, dass die Leute keinen Bock mehr haben. Ich hab auch keinen Bock mehr. Aber die Frage ist: Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Bestimmt nicht mit Bockigkeit. Wir können es nur gemeinsam schaffen. Wir leben in einer Demokratie, jeder hat das Recht zu demonstrieren. Aber andere dürfen nicht gefährdet werden. Die Politik ist da leider auch nicht konsequent. Große Veranstaltungen, Fußball, Karneval – das ist doch in dieser Lage ein Griff ins Klo. Erst die schlimmsten Warnungen vor Omikron, aber dann wird erst mal Weihnachten abgewartet, bevor man reagiert. Wenn ein Haus brennt, lösche ich es sofort und nicht erst nach den Ferien.

Wie kann die Pflege beim Löschen helfen?
Wir helfen ja jeden Tag. Aber wir müssen mehr zusammenhalten. Solange jede Pflegekraft Ja sagt zum Einspringen oder früher aus dem Urlaub kommt, die eigene Familie und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt – so lange wird sich nichts ändern. Die Pflege muss lernen, auch mal Nein zu sagen.

In welchen Situationen haben Sie mal Nein gesagt?
Letztens habe ich einen Patienten gewaschen, da kommt die ärztliche Visite rein. Später wurde ich von der Ärztin herbeizitiert: Ricardo, wir finden es nicht in Ordnung, dass Du während der Visite wäschst. Dann sage ich: Stopp, ich habe gewaschen, und Ihr seid zur Visite reingekommen. Manch alte Hierarchien passen nicht mehr. Aber ein Pfleger kann auch mal sagen: Pass auf, ich habe drei Patienten und noch viel zu tun, hol Dir bitte deine Tupfer alleine. Es ist keine Berufsgruppe besser als eine andere. Eine Pflegekraft muss genauso respektvoll mit einer Reinigungskraft umgehen. Ohne Reinigungskraft kann ich nicht arbeiten. Und die Ärzte können ohne Pflegekräfte nicht arbeiten. Die jungen Ärzte wachsen in den Mangel herein, die packen lieber mit an.

Was ist besonders intensiv an einer Intensivstation?
Es ist ein cooles Gefühl, ein Menschenleben zu retten. Man muss sehr vielseitig sein: jedes medizinische Gerät bedienen können, alle Medikamente mitsamt Nebenwirkungen kennen. Man hat große Verantwortung, inzwischen leider zu viel. Ich würde diese Verantwortung gerne auf mehr Leute aufteilen.

Schon mal daran gedacht, in die Politik zu gehen?
Kann man das mit 40 denn noch?

Warum nicht?
Das Problem ist, das viele Politikerinnen und Politiker die Lebensrealität der Menschen nicht kennen. Woher will ein Minister, der sich eine Millionenvilla kauft, wissen, wie Menschen von Hartz-IV leben oder in einer zu engen Wohnung im Lockdown sitzen? Zu mir hat Friedrich Merz mal nach einer Fernsehsendung gesagt: „Ich bin nicht reich.“ Aber der Mann hat ein eigenes Flugzeug. Manche wären froh, wenn sie ein Fahrrad hätten.

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Ricardo Lange hat ein Buch über seine intensiven Erfahrungen auf Berlins Intensivstationen geschrieben. Einen exklusiven Vorabdruck lesen Sie hier.

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