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Schreiben ist eine einsame Angelegenheit - aber alle Autoren und Autorinnen brauchen die Hilfe anderer. Und müssen „Danke“ sagen. 
© imago images/Shotshop

Was Danksagungen in Büchern verraten: Keiner schreibt für sich allein

Wer ein Buch verfasst, dankt nicht nur den Liebsten, sondern auch Tankstellen oder Mietpreisbindungen. Ein Essay über die literarische Dankkultur.

Wer ein Buch zu lesen beginnt, weiß nicht, wie es ausgehen wird. Wär' ja auch schön blöd. Womit der Leser aber inzwischen mit großer Wahrscheinlichkeit rechnen kann: dass das Buch mit Danksagungen endet. Mal vier, fünf Zeilen kurz und nüchtern, dann wieder zwei, drei Seiten lang, sehr persönlich und emotional – fast schon oscarverdächtig.

Dass ein Film Teamarbeit ist, weiß jeder, der mal im Kino war. Minutenlang rollt der Nachspann mit sämtlichen Mitwirkenden plus Danksagungen an Förderer außerhalb des Teams ab. Beim Buch ist das so eindeutig nicht.

Der Autorenname steht allein auf dem Cover, höchstens in Begleitung des Übersetzers. In Zeiten von Talkshows, Homestorys und allgemeinem Personenkult ist es ganz gesund, daran zu erinnern, dass der Schriftsteller keineswegs einsamer Eremit ist. Selbst wenn er sich zum eigentlichen Schreiben zurückzieht und allein in die Tasten haut.

In seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Herkunft“ bedankte sich Saša Stanišic bei einer Aral Tankstelle, weil er dort sich immer mit Freunden traf.
In seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Herkunft“ bedankte sich Saša Stanišic bei einer Aral Tankstelle, weil er dort sich immer mit Freunden traf.
© Mike Wolff

Kein Mensch, auch nicht das größte Genie, schöpft allein aus sich selbst heraus. Gelesenes, Gehörtes und Gesehenes fließt in jedes Werk mit ein. Anregung ist überall, selbst an der Tanke, weshalb Saša Stanišić in „Herkunft“ der Aral-Tankstelle in Emmertsgrund dankt. Auch als Schriftsteller ist der Mensch ein soziales Wesen, eine Spinne im Netz jener, die inspirieren, bremsen, beflügeln, von Irrwegen abbringen, ablenken, einem Arbeit und Sorgen abnehmen, zum Lachen bringen.

„Ich möchte allen danken, die mich kennen“, schreibt Bestsellerautorin Philippa Perry. „Das mag trivial klingen, aber wir alle reiben uns aneinander, formen und stützen uns gegenseitig.“ Wer wüsste das besser als sie, die Psychotherapeutin.

Ihr Interesse und Ihre Neugier war inspirierend!

Margaret Atwood

Und ohne die emotionale, literarische und finanzielle Unterstützung diverser Menschen und Institutionen würden viele Ideen nie in der Buchhandlung landen. „Jedes veröffentlichte Buch ist eine Gruppenleistung“ schreibt Margaret Atwood am Ende ihres Romans „Die Zeuginnen“.

Schon ganz praktisch sind SchriftstellerInnen auf die Hilfe anderer angewiesen. Nur die wenigsten Menschen können so zwischendurch, neben Fulltimejob und Windeleimer, Meisterwerke schaffen. Irgendjemand muss ihnen den Rücken frei halten. Früher waren das selbstverständlich die Frauen, die dafür sorgten, dass der Meister sein Essen bekam, die Hemden gebügelt wurden, die Kinder auf Zehenspitzen durch die Wohnung liefen. Psst, Papa dichtet.

Heute sind es auch Eltern, die als Babysitter einspringen, Stiftungen, die Stipendien vergeben, Residenzen, die Autoren einladen, sich ein paar Wochen oder Monate an einem meist schönen Ort aufzuhalten, wo sie sich um nichts als das Schreiben kümmern müssen. Kein Einkaufen, kein Kochen, kein klingelnder Postbote. Dafür viele anregende Gespräche.

In ihrem neuen autobiografischen Werk „Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde“, erzählt die Essayistin Rebecca Solnit von ziemlich vielen schlimmen Erfahrungen, die sie machen musste, einschließlich häuslicher Gewalt. Und dann, als das Buch eigentlich zu Ende ist, bedankt sie sich seitenlang bei all denen, die sie im Laufe des Lebens mit Freundlichkeit unterstützt haben.

Rebecca Solnit bedankte sich in ihrem letzten Buch auch bei einer Gruppe „gutaussehender Biker“
Rebecca Solnit bedankte sich in ihrem letzten Buch auch bei einer Gruppe „gutaussehender Biker“
© AFP

Angefangen bei dem inzwischen verstorbenen Hausmeister, der ihr zu ihrer ersten anständigen Wohnung verhalf, bis hin zur Stadt San Francisco – „für die Mietpreisbindung, ohne die ich meinen Weg nicht hätte gehen können“. Auch dem Pazifik und den Nebelhörnern ist sie dankbar, den Möwen, Mitstreiterinnen, Umweltschützern, dem Feminismus.

Ach ja, und: „Danke an die gutaussehenden Biker, die an einem Vormittag im Oktober 1991 im Denny’s an der I-5 nördlich von Los Angeles am selben Tisch saßen wie ich, mir zuhörten und sich davon überzeugen ließen, dass Anita Hill die Wahrheit sagte.“ Ein bisschen Rätsel darf sein.

Wenn ein Buch fertig vor einem liegt, mit schönem Cover und rundem Inhalt, Anfang, Mitte und Ende, kommt es einem im besten Falle vor wie ein Ei, das nur so, in dieser Form, herauskommen konnte. Je besser ein Roman, desto selbstverständlicher liest es sich. Als hätte es nicht tausend Fehlstarts gegeben, Kapitel, die wieder rausgeschmissen wurden, Grübeln und Feilen, Interventionen des Lektors, Widerspruch der privaten Erstleser. Nur: Die Eingriffe bleiben unsichtbar.

Campino bedankt sich bei seiner Band dafür, dass sie es schon 40 Jahre mit ihm aushält

Also – Ehre, wem Ehre gebührt. Überschwänglich wird Lektoren, Verlegern und Agenten gedankt, Papa, Mama und dem Kind, den Partnern natürlich, den Kumpels und der besten Freundin, der Deutschlehrerin, den LeserInnen und der Therapeutin. Für Essen, Begeisterung, Gespräche und Spaziergänge, Hilfestellung bei Entzündung des Lagerfeuers, fürs Mutmachen und immer wieder: fürs Lesen. Weswegen Margaret Atwood zum Abschluss der „Zeuginnen“ auch den Lesern und Leserinnern ihres Longsellers „Der Report der Magd“ dankt. „Ihr Interesse und ihre Neugier war inspirierend.“

Für viele mag das erst mal lustig bis lächerlich klingen - Hollywoodmäßig halt. An Spott über die zum Teil sehr gefühligen Elogen mangelt es nicht. Glossenschreiber mokieren sich, Kritiker meckern. Ulla, Jürgen, Marc und Dennis interessieren sie nicht die Bohne, auch wenn die vier Freunde Campino schöne Momente beschert haben, wie der Musiker im Nachspann zu seinem autobiographischen Bestseller „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde“ erzählt. Er freut sich auch, dass Andi, Breitel, Kuddel und Vom den Musiker nun schon seit 40 Jahren aushalten und Paul, Lucas und Konrads mit ihm Tipp-Kick spielen.

Schreiben ist eine einsame Tätigkeit - doch jedes Buch ist eine Gruppenleistung, sagt Margaret Atwood.
Schreiben ist eine einsame Tätigkeit - doch jedes Buch ist eine Gruppenleistung, sagt Margaret Atwood.
© imago images/Cavan Images

Doch gerade weil das Schreiben selbst eine so einsame Tätigkeit ist, sind Dennis, Kuddel & Co so wichtig. Es ist ein langer, nicht selten qualvoller Weg. Und die Leiden des Autors sind zwangsläufig auch die seiner Umgebung. Ohne Sensibilität keine Kunst, was bedeutet, dass die Autoren häufig Mimosen sind, die unter Zweifeln oder, noch schlimmer, Höhenflügen leiden und gepampert und gehätschelt werden wollen.

„Mir selbst fällt es oft schwer, mich zu ertragen“, schreibt Jakob Hein am Ende seines neuen Buchs „Hypochonder leben länger“. „Darum danke ich den Menschen, die dies offenbar freiwillig tun und mir besonders zur Seite stehen, für das Entstehen dieses Buches, vor allem meiner Familie und meinen Patientinnen und Patienten.“

Intimer sind in der Regel die Widmungen

Nicht nur für den Leser, auch für den Autor steht die Danksagung am Ende des Buches. Die Arbeit ist geschafft, das Gefühl der Erleichterung, ja Erlösung ist gewaltig. Da schäumen die Gefühle schon mal über, werden die Danksagungen emotionaler, persönlicher, vielleicht auch sentimentaler als es den Kritikern gefällt, die jammern, dass sie mehr erfahren, als sie je wissen wollten.

Wobei der Boom der sozialen Medien ohnehin zum Abbau von Hemmschwellen geführt hat – Privates öffentlich zu machen, ist heute völlig normal. Bei der Widmung, am Anfang des Buchs, die ja auch eine Form des Danks ist, geschieht das etwas diskreter, auch intimer. In der Regel erfährt der Leser nichts über die Verbindung zwischen diesem Menschen und dem Autor, nur den Namen, oft sogar nur den Vornamen. Da wird der Voyeurismus des Publikums mit einer ausführlichen Widmung besser befriedigt. So weiß der Leser des Romans „Die Marschallin“ nun, dass die Autorin, Zora del Buono, mit Judith Schalansky und Cord Riechelmann befreundet ist.

Thomas Hettches Danksagung in seinem Augsburger-Puppenkisten-Roman „Herzfaden“ ging an die Puppenspieler.
Thomas Hettches Danksagung in seinem Augsburger-Puppenkisten-Roman „Herzfaden“ ging an die Puppenspieler.
© picture alliance / Stefan Puchner/dpa

Natürlich gibt es nüchterne, naheliegende Reverenzen. Dass Thomas Hettche bei seinem Augsburger-Puppenkisten-Roman „Herzfaden“ den Puppenspielern dankt, ist ebenso wenig überraschend wie Martin Suters Ehrung der Forscher, die ihn mit wichtigen Informationen über Alzheimer und Elefanten versorgt haben.

In seiner aktuellen, 928 Seiten starken Susan Sontag-Biographie hat Benjamin Moser als Danksagung einfach eine fünf Seiten lange Liste mit Namen veröffentlicht, ohne weiteren Kommentar, wohl alles seine Gesprächspartner.

Selbst die Bibliographie im Sachbuch ist ja eine Form der Anerkennung für die Arbeit anderer Experten – manchmal vermischt mit einer Prise Angeberei: Das habe ich alles gelesen! Nicht immer kommt die Reverenz ja großzügig und bescheiden daher. Gönnerhaft kann sie wirken – das sind die Wasserträger, und ich bin der Wein –, unwillige Pflichterfüllung oder strategische Schmeichelei sein.

Doch was ist die Alternative? Schweigen? Was, wenn jemand verzichtet auf das finale Dankeschön – ist er zu geizig, egozentrisch, will allen Ruhm alleine? Ist es ihm zu intim? Ja, sicher kann man das von Angesicht zu Angesicht machen. Aber die öffentliche Anerkennung derer, die einem geholfen haben, ist etwas anderes.

Der legendäre, in diesem Jahr verstorbene Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger hat sich die Danksagung seiner Autoren im Nachspann verbeten. Er wollte nicht mal erwähnt werden. Für ihn war das Ganze eine Pest, die aus den USA zu uns rübergeschwappt ist. Dort, so sagte er im Gespräch mit Sven Michaelsen im „SZ-Magazin“, „danken Autoren momentan jedem, der mal ein Komma gesetzt hat. Bei unseren jüngeren Autoren kommt das leider auch in Mode.“ Fellingers Resümée: „Dankkultur bringt es nicht.“

Da hat der Soziologe Georg Simmel eine andere Meinung vertreten. Dankbarkeit war für ihn immer ein Brückenschlag – eins der stärksten Bindemittel der Gesellschaft. Sein Kollege Helmut Berking hat mal darauf hingewiesen, dass Danken auf Denken zurückgeht. „Es bezeichnet eine Tätigkeit des Geistes, eine Bewegung und Erhebung der Seele.“ Nichts also, wofür sich ein Autor genieren müsste.

Dass das Wie dabei so wichtig ist wie das Was, muss man keinem Schriftsteller erklären. Die vielleicht originellste Danksagung dieses literarischen Herbstes hat Ulrike Draesner mit ihrem launiges Nachwort zu „Schwitters“ geschrieben, voller Rätsel, absurdem Witz und literarischer Anspielungen, ganz im Sinne des Dadaisten.

Mein Glück besteht darin, dass ich so vielen Menschen danken kann

Krimiautorin Louise Penny

Ihr besonderer Dank gilt Bengt Schwitters, dem einzigen noch lebenden Angehörigen des Künstlers. „Der Enkel gab der Versuchung, einen Brief zu beantworten, nie nach und erlaubte meinem Vorhaben, sich frei zu entwickeln. Welch beglückende Schwittersche Großzügigkeit an Geist und Humor.“

Dankbarkeit macht das, was andere für selbstverständlich halten, zum Geschenk. Die Kanadierin Louise Penny, die als Journalistin an einsamen Orten stationiert war und anfing zu trinken, mit Mitte 30 die Liebe ihres Lebens traf, nüchtern wurde und anfing hauptberuflich zu schreiben, ist inzwischen eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen.

Am Ende ihres ersten Romans dankt sie ihrem Ehemann, der es ihr ermöglichte, ihren Job als Rundfunkautorin aufzugeben, und nur zu schreiben, „für ein Leben voller Wärme und Liebe“. Sie dankt Freunden und Freundinnen, ihren Brüdern, literarischen Ratgebern, der Haushälterin, der Agentin, Kolleginnen, der britischen Crime Writers Association.

„In meinem Leben gab es eine Phase“, so schreibt sie ganz am Schluss, „in der ich keine Freunde hatte, in der mich niemand anrief, in der ich dachte, ich würde vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß, mein eigentliches Glück besteht nicht darin, ein Buch veröffentlicht zu haben, sondern darin, dass ich so vielen Menschen danken kann.“

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